Die Forschung in der Bibliothek dient zum Quellenstudium von Vorlagen und Übersetzungen der Barockepoche. Der Fokus liegt im Sprachenpaar Deutsch-Tschechisch, wobei Übersetzungen vom Deutschen ins Tschechische und auch in der umgekehrten Richtung erforscht werden. Es sollen Text-Paare geortet werden, die nachfolgend anhand translatologischer Verfahren – im Hinblick auf die sich entwickelnde Übersetzungspoetik – analysiert werden. […]
Ein Großteil der heute erhaltenen, illuminierten Handschriften aus der Zeit zwischen 1300-1500 sind Stundenbücher: Bücher, die Texte für festgelegte Tagesgebete – die Stundengebete – enthalten und meist mit einem Kalender versehen durch den liturgischen Tages- und Jahresrhythmus führen. Illuminationen sind Buchbebilderungen mit Malerei, der Begriff leitet sich von lat. ‚illuminare – erleuchten‘ ab. Hergestellt wurden solche illuminierten Stundenbücher vor allem von Werkstätten im heutigen Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Wer es sich leisten konnte besaß nicht nur eines, sondern gleich mehrere dieser beliebten Gebetbücher. Ein solches ist auch der Cod. Guelf. 84.2.1. Aug. 12° der Herzog August Bibliothek, besser bekannt als Stundenbuch Herzog Augusts des Jüngeren, mit nur 12,3 cm x 8,7 cm etwas kleiner als eine Postkarte (zum vollständigen Digitalisat der HAB. Seine floralen Motive und Miniaturen sind typisch für die sogenannte Gent-Brügger Schule: Buchmalereien, die sich vor allem durch die illusionistische und naturgetreue Darstellung von Pflanzen, Insekten und kleinen Objekten sowie Miniaturen auszeichnen. Obgleich das Stundenbuch ihm seinen Namen verdankt, wurde es nicht für Herzog August d. J. angefertigt. Entstanden ist es in Flandern um etwa 1520 – also über 50 Jahre vor dessen Geburt. Bevor es in die herzogliche Sammlung gelangte, war es vermutlich im Besitz der deutschen Adligen Dorothea von Sachsen-Lauenburg. Mit Gebetstexten in mittelniederdeutscher Sprache und begleitet von Buchmalereien erlaubt es uns heute einen Einblick in die enge Verbindung von Spiritualität und Zeitwahrnehmung im Spätmittelalter.
Das Stundenbuch war ein zentrales Medium der christlichen Laienkultur. Für die Andacht außerhalb der kirchlichen Messe oder des klösterlichen Lebens bestimmt, richtete es sich nach den ursprünglichen sieben (später auch acht) im Kloster zelebrierten Gebetsstunden eines Tages, den sogenannten Horen. Eine solche Andacht – das Offizium – fasste kanonische Texte aus dem Alten und Neuen Testament zusammen und wurde durch Evangelientexte und Heiligengebete ergänzt. Eine besonders beliebte Stundenbuch-Andacht war das Kleine Marienoffizium. Als Unser lyver vrouwen getyde bildet es gemeinsam mit Heiligengebeten den Inhalt des Wolfenbütteler Stundenbuchs. Getyde lässt sich als ‚Zeit‘ und als ‚kanonische Horen‘ übersetzen. Die Zusammengehörigkeit von Stundengebet und Tageszeit wird in der Aufteilung der Gebetsstunden deutlicher.
Abb 2: Gegenüberliegende Seite mit Miniatur zu ‚Hir begynnet unser lyver vrouwen getyde…‘, Darstellung der Verkündigung an Maria. Cod. 84.2.1. Aug. 12°, Fol. 28v. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, CC BY-SA.
Abb 2: Gegenüberliegende Seite mit Miniatur zu ‚Hir begynnet unser lyver vrouwen getyde…‘, Darstellung der Verkündigung an Maria. Cod. 84.2.1. Aug. 12°, Fol. 28v. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, CC BY-SA.
Während zwischen Mitternacht und Morgen (idealerweise) noch vor Tagesbeginn die Matutin und die morgendliche Laudes zu sprechen sind, folgen die Tagesgebete nach römischer Zeiterfassung: Die Prim zur ersten (Sonnen-)Stunde des Tages, die Terz zur dritten, die Sext zur sechsten und mittleren Stunde, die Non zur neunten Stunde (etwa 15 Uhr), das Abendgebet zur Vesper und ein abschließendes Nachtgebet, die Complet. Zeit wurde über das christliche Gebet wahrgenommen und zelebriert. Sie wird, wie Roger S. Wieck es ausdrückt, ‚geheiligt‘. Was für die kleine Einheit – die Stunde – gültig ist, gilt genauso für das ganze Jahr und seine zwölf Monate.
So enthält ein Stundenbuch auch einen Kalender des liturgischen Jahres mit seinen Feier- und Heiligentagen. Bis zur gregorianischen Kalenderreform dient dieser immerwährende Kalender nach Julianischem System auch der jährlichen Berechnung der beweglichen Feiertage, allen voran Ostern. Ganz so genau ist der Kalender im Cod. 84.2.1. allerdings nicht. Wie in vielen späten Stundenbüchern fehlen die exakten Angaben zur Datierung: Weder sind die Kalenden und Iden angegeben – die römische Einteilung des Monats in einzelne Tage beginnend mit dem ersten Tag (Kalenden) über die Monatsmitte (die Iden), die bis ins Mittelalter Verwendung fand. Noch ist eine anderweitige Nummerierung der Tage, z.B. mit der Zählung wie wir sie heute kennen, eingetragen. Bei den festen Heiligentagen musste also entweder auf eine genaue Kenntnis der Daten der Lesenden gesetzt, per Hand gezählt oder – weitaus wahrscheinlicher – die Feiertage mit Hilfe eines detaillierteren Gebrauchskalenders erfasst werden.
Abb. 3. Kalenderseite Januar (Versoseite), Cod. 84.2.1. Aug. 12°, Fol. 2v. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, CC BY-SA.
Abb. 3. Kalenderseite Januar (Versoseite), Cod. 84.2.1. Aug. 12°, Fol. 2v. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, CC BY-SA.
Der Kalender dieses Büchleins ist also in erster Linie ein Bildkalender. In die Darstellung von Monatsarbeiten, d. h. den Monaten zugewiesenen landwirtschaftlichen Tätigkeiten, fließt die Erfahrungswelt der Lesenden ein. Im Januar herrschen Kälte und Schneefall; im März wird der Boden umgegraben, die Natur grünt; im April musiziert ein gut gekleidetes Paar in einem Garten; im Mai genießt eine illustre Runde eine Kahnfahrt vor einer städtischen Kulisse. Neben den bäuerlichen Arbeiten wird die Freizeitgestaltung der meist wohlhabenden Buch-Besitzenden zur Folie, vor der das liturgische Jahr seinen Lauf nimmt.
Ähnlich – allerdings im kleinen Detail – verhält es sich mit der Natur in den Bordüren von Cod. 84.2.1 Aug. 12°. Wie frisch gepflückt scheinen Rosen, Veilchen, Erdbeere, Ehrenpreis, Vergissmeinnicht und Distel auf den Rand am Beginn des Marienoffiziums gelegt. Vier weiße Schmetterlinge lassen sich auf den Blüten nieder. Pflanzen sind als Symbole im religiösen Kontext gemeinhin bekannt. Allerdings zeigt die genau beobachtende Darstellungsweise, dass die Natur buchstäblich näher an die Betrachtenden gerückt werden sollte. Pflanzen im Bild, die entweder am Wegesrand oder im eigenen Garten zu finden sind, verbinden Buchseite und das eigene Erleben. Anders als in einer von der Vergänglichkeit der Jahreszeiten und Natur geprägten Zeiterfahrung können Betrachtende im Buch selbstbestimmt durch die Zeit wandern – immer dann, wenn das Gebet aufgeblättert wird. Immerwährend und zum Greifen nah verbinden die detailreichen und lebensnahen Illuminationen das Vergehen von Zeit mit der Ewigkeit des (heiligen) Buchinhalts.
Abb. 7. ‚Hir begynnet unser lyver vrouwen getyde‘, Gesamtansicht der Seite, Cod. 84.2.1. Aug. 12°, Fol. 29r. Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, CC BY-SA.
Literatur:
Chavannes-Mazel, Claudine; Ijpelaar, Linda (Hrsg.) (2023). The Green Middle Ages: The Depiction and Use of Plants in the Western World 600-1600, Amsterdam.
Härtel, Helmar (2004). Das Stundenbuch Herzog Augusts d. J., Wolfenbüttel.
Hindman, Sandra L.; Marrow, James H. (Hrsg) (2013). Books of Hours Reconsidered. London.
Wieck, Roger S. (2017). The Medieval Calendar: Locating Time in the Middle Ages, New York.
Walther, Christoph; Lübben, August (1888), Mittelniederdeutsches Handwörterbuch, Hrsg. Verein für Niederdeutsche Sprachforschung, Leipzig.
Die Autorin
Clara Marie Kahn ist Doktorandin an der International Max Planck Research School „Knowledge and its Resources“ und am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Pflanzendarstellungen in illuminierten Handschriften des 15. und 16. Jahrhunderts.
Zum Auftakt sprechen wir darüber, wie das Projekt entstanden ist, was in diesem Zusammenhang als Objekt gilt und nach welchen Kriterien die Auswahl getroffen wird. Als erstes betrachten wir einen ganz besonderen Gegenstand aus der Sammlung: den sogenannten Lutherlöffel. Wir sprechen über seine Herkunft, seinen Weg in die Bibliothek, seine mögliche Verbindung zu Martin Luther und darüber, weshalb gerade dieses Objekt die Reihe eröffnet.
Sog. Lutherlöffel, 16. Jahrhundert. Silber, teils feuervergoldet. Länge 15,3cm, Breite (Laffe) 5,3 cm. Inv.-Nr. HAB-Y-0044 / KGS 2.
Sog. Lutherlöffel, 16. Jahrhundert. Silber, teils feuervergoldet. Länge 15,3cm, Breite (Laffe) 5,3 cm. Inv.-Nr. HAB-Y-0044 / KGS 2.
In Zusammenarbeit mit dem Wolfenbütteler Arbeitskreis für Bibliotheks-, Buch- und Mediengeschichteherausgegeben von der Herzog August BibliothekRedaktion: Hartmut Beyer und Sandra SimonMedium Buch. Wolfenbütteler interdisziplinäre Forschungen ...
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