Von der privaten Büchersammlung zur Bibliothek || HAB

05.04.2022

Die Anfänge der älteren Wolfenbütteler Hofbibliothek reichen bis ins Jahr 1550 zurück. Damals kaufte Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg (1528–1589) auf einer Studienreise in Frankreich seine ersten Bücher – nicht etwa Fachliteratur, sondern Ritterromane. Als er 1568 die Regierung des Herzogtums Wolfenbüttel übernahm, wurde seine inzwischen beträchtlich vergrößerte Büchersammlung ein wichtiger Bestandteil der fürstlichen Hofhaltung und Repräsentation. Die Einführung der protestantischen Reformation ließ den Bücherschatz des Regenten nochmals anwachsen: Zwischen dem 14. März und dem 24. April 1572 wurden aus den Frauenklöstern in Wöltingerode, Steterburg, Lamspringe, Heiningen, Dorstadt, Brunshausen und Marienberg bei Helmstedt zahlreiche mittelalterliche Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucke in die Residenz gebracht.

Diese Entwicklungen erforderten nunmehr eine professionelle Verwaltung der Büchersammlung. Zunächst stellte Herzog Julius am 30. Dezember 1571 den Kantor und Komponisten Leonhard Schröter als Bibliothekar ein. Welche Aufgaben er in seinem Dienst zu verrichten hatte, ist in der endgültigen Fassung der „Liberey-Ordnung“ vom 5. April 1572 festgelegt. Sie ist kein allgemein gehaltenes Dokument, sondern direkt und persönlich an den „Bibliothecarius“ gerichtet. Leonhard Schröter dürfte daher auch das von Herzog Julius eigenhändig unterzeichnete und gesiegelte Original erhalten haben. Der heute vorliegende Text ist durch einen Kanzleivermerk als Kopie ausgewiesen, die in der den Bibliothekar betreffenden Akte (Staatsarchiv Wolfenbüttel, 3 Alt Nr. 50, Bl. 12r–15v) abgelegt wurde.

Die „Liberey-Ordnung“ regelt detailliert in zehn Abschnitten die Aufgaben des Bibliothekars und ist daher vor allem der Katalogisierung des Bestandes und seiner Benutzung gewidmet. Die grundlegende Entscheidung, welche Bücher neu angeschafft werden sollten, hatte sich dagegen der fürstliche Besitzer selbst vorbehalten und wurde daher nicht genauer erörtert. Leonhard Schröter sollte persönlich in den Räumen der Bibliothek im Untergeschoss des alten Kanzleigebäudes östlich des Schlosses anwesend sein und die dienstliche Korrespondenz führen (Punkt 1). Zu seinen Pflichten gehörte es auch, die in Schränken aufbewahrten Bücher einmal wöchentlich zu reinigen (Punkt 4).

Auf die Ordnung und Erfassung der Bücher legte der Herzog besonderen Wert. Schröter sollte sie mit einer Blattzählung versehen (Punkt 7), den Titel in deutlich lesbaren Großbuchstaben auf die Bücher schreiben und sie mit aufsteigenden Nummernsignaturen kennzeichnen (Punkt 2). Anhand dieser Angaben waren alle Bände in einem „gemein Inventarium“ in Gestalt eines Standortkatalogs zu erfassen (Punkt 3). Schließlich forderte der Herzog eine genaue Aufstellung der Dubletten (Punkt 5); wahrscheinlich um die „abundanten“ (überflüssigen) Stücke gegen neue Bücher einzutauschen.

Die Benutzung der Bibliothek und die Ausleihe von Büchern erfolgte allein auf ausdrücklichen schriftlichen Befehl des Herzogs. Der Bibliothekar war gehalten, die ausgeliehenen Bücher und ihre Leihfristen in einem eigenen „Quitanzbuch“ zu verzeichnen, sie rechtzeitig zurückzufordern und die Rückgaben auf Vollständigkeit und Unversehrtheit zu überprüfen (Punkt 6–8). Auch eine Besichtigung der Bibliothek vor Ort blieb den vom Herzog selbst ausgewählten Personen, in der Regel Gelehrten und Adligen, vorbehalten. Sie durften die Räumlichkeiten allerdings nur ohne Messer und lange „uberkleidung“ betreten, „damit uns nicht geschehe, in unser Bibliotheca und an unsern buchern, wie an etzlichen ortten Illyricus gethan haben soll“. Die Besucher sollten also keine Gelegenheit finden, nach dem zweifelhaften Vorbild des Gelehrten Matthias Flacius Illyricus (1520–1575) Bücher aus der Bibliothek zu entwenden oder zu beschädigen (Punkt 9). Mit der eidlichen Verpflichtung Schröters, die vom Herzog gegebenenfalls zu ändernden oder zu ergänzenden Anweisungen gewissenhaft zu befolgen (Punkt 10), schließt das durch Unterschrift und Siegel beglaubigte Dokument.

Erst durch Wachstum, planvolle Verwaltung, Ordnung und Benutzung wird aus einer zufällig entstandenen Büchersammlung eine Bibliothek. Die „Liberey-Ordnung“ markiert in Wolfenbüttel den Beginn dieser Entwicklung – dass es zum Teil noch längere Zeit dauerte, bis die Anordnungen des Herzogs in die Tat umgesetzt wurden, ist bekannt: Die Aufstellung der mit Signaturen und Titelbeschriftungen versehenen Bücher nach einer wissenschaftlichen Systematik und ihre Erfassung in einem Gesamtkatalog konnte erst 1614 Schröters Nachfolger Liborius Otho vollenden. Dass Herzog Julius durch diesen Verwaltungsakt seine Privatsammlung zu einer Bibliothek umgestaltet und sie damit kulturell aufgewertet hatte, war seinen Zeitgenossen dagegen unmittelbar bewusst. Am 25. Juni 1573 schenkte Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel (1532–1592) dem Herzog ein prachtvoll ausgestattetes Evangeliar (Cod. Guelf. 65 Helmst.) mit dem ausdrücklichen Vermerk, der kostbare Band sei „zur Zierde [der von] Seiner Fürstlichen Gnaden neu gegründeten Bibliothek“ bestimmt. Die „Liberey-Ordnung“ darf daher zu Recht als Geburtsurkunde der Herzog August Bibliothek bezeichnet werden.

 

#HAB_Geburtstag #HABewegt


Abbildung: »Vnser von Gotts gnaden Juliussen Hertzogen zu Braunschweig
vnd Luneburg Verord[n]ung, wie wir mit gnaden gehabt haben
wollen, das sich vnser Bibliothecarius diener vnd lieber getrewer
Leonhartt Schroter in vnser biblioteck beÿ seinen Pflichten vnd
Ayden halten soll.« Anfang der »Libereyordnung« des Herzogs
Julius zu Braunschweig und Lüneburg im Niedersächsischen
Landesarchiv Abteilung Wolfenbüttel (Bl. 12r).


 

Wir machen Bücher || HAB

Der lange Weg von der Hofbibliothek des frühneuzeitlichen Landesfürsten zur international renommierten Forschungsbibliothek war weder vorgezeichnet noch gradlinig. Doch dank glücklicher Umstände haben ihre Bestände die Zeiten weitgehend unversehrt überdauert. Nachdem Herzog August Mitte des 17. Jahrhunderts eine der größten Büchersammlungen Europas aufgebaut hatte, wurde Wolfenbüttel zum Anziehungspunkt für Reisende aus vielen Ländern. Seine Universalbibliothek besitzt Literatur aus  allen Wissensgebieten und bildet daher bis heute den Kern der nach ihm benannten Einrichtung.

Trotz ihres Alters und des noch höheren Alters mancher ihrer Handschriften und Drucke ist diese Bibliothek kein Museum für ehrwürdig verstaubte Bücher. Vielmehr erweist sie sich schon sehr lange als lebendiger Ort der Gewinnung und Vermittlung von Wissen. Ihre Nutzung allein rechtfertigt, dass „so viele Bücher mit so vielen Kosten hier zu Haufe gebracht wurden“, wie Gotthold Ephraim Lessing bemerkte. Und so ist die Bedeutung der Bibliothek nicht nur an den Büchern zu ermessen, die sie bewahrt, sondern vor allem an den Büchern, die sie ermöglicht und hervorgebracht hat.

Im Zentrum der Ausstellung stehen Bücher, die in besonderer Weise mit der Wolfenbütteler Bibliothek verbunden sind, die ohne sie nicht geschrieben worden wären. Aus den alten Büchern entstehen bis heute neue Bücher: gelehrte Abhandlungen ebenso wie Romane, Reiseführer und Kataloge, Editionen und Faksimiles – und nicht zuletzt faszinierende Künstlerbücher. An einer großen Auswahl von Exponaten werden die Möglichkeiten zur Entdeckung, Erforschung und Erfindung erfahrbar, die der vielgestaltige Bücherschatz in den letzten viereinhalb Jahrhunderten geboten hat und wie sie genutzt wurden.

Aus Anlass ihres Jubiläums zeigt die Herzog August Bibliothek außerdem einige ihrer kostbarsten Originale, allen voran das Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England aus dem 12. Jahrhundert.

Dieses prachtvolle Meisterwerk mittelalterlicher Buchmalerei kann nur selten und für kurze Zeit ausgestellt werden. Daneben werden einzigartige Manuskripte und seltene Drucke zu sehen sein, aber auch Kuriositäten, mit denen einstmals Besucherinnen und Besucher unterhalten wurden.


Die Ausstellung wird vom 6. April bis zum 3. Juli 2022 in der Bibliotheca Augusta gezeigt. Das Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England wird vom 6. April bis zum 17. Mai präsentiert.

Öffnungszeiten der musealen Räume der Bibliotheca Augusta: Di.-So. 10-17 Uhr

Eintritt: 5,- Euro, ermäßigt 2,-/1,- Euro, Kinder bis 12 freier Eintritt

Anmeldung: erforderlich unter Tel.: 05331/808-203 oder per E-Mail an kuturprg@hab.de

Die Bücher und das Meer || HAB

17.03.2022

 

Wörterflut

Im 18. Jahrhundert traf die See mit enzyklopädischer Wucht auf Land. Johann Hinrich Rödings vierbändiges Allgemeines Wörterbuch der Marine in allen europäischen Seesprachen (1793–1798) ist das erste deutschsprachige Werk dieser Art, doch es ist nicht das einzige. Wer im Online-Katalog der Herzog August Bibliothek nachschaut, wird beispielsweise auch das Universal Dictionary of the Marine (1769) des schottischen Dichters William Falconer und das Vocabulaire des termes de marine anglois et françois (1777) des französischen Kolonialbeamten Daniel Lescallier finden. Beide dürften Röding beim Schreiben vor Augen gestanden haben.

Der Pastorensohn hatte die Lateinschule seines Heimatortes Buxtehude an der Unterelbe besucht, jedoch keine Universität. Als Krämer und Teehändler fühlte er sich der Seefahrt eng verbunden. Wie sein Vorwort verrät, war er überaus belesen und korrespondierte mit Gleichgesinnten von London bis Lissabon. So erhielt er Literatur und Informationen, zum Beispiel ein Verzeichnis spanischsprachiger Seeliteratur von einem „Spanier aus der Escurial-Bibliothek“. Vor allem nutzte er aber seine Kontakte zu „Ausländern, die Seeleute von Profession waren“, darunter Italiener, Spanier, Franzosen, Briten, Niederländer und Skandinavier. In der Gegend rund um seinen Laden mitten im Hamburger Hafen begegnete er ihnen wohl täglich.

Die Seeleute bildeten zu dieser Zeit eine große Berufsgruppe – und doch war ihre Lebens- und Arbeitswelt den meisten Menschen fremd. Wenn sich dies nun änderte, trug Rödings Wörterbuch maßgeblich dazu bei. Die dicken Quartbände waren offenkundig nicht für den Bordgebrauch bestimmt. Als Teil eines größeren Projekts erschienen sie zusammen mit dem Allgemeinen Polyglotten-Lexicon der Naturgeschichte (1793–1798) des umtriebigen Juristen, Enzyklopädisten, Übersetzers und Reiseschriftstellers Philipp Andreas Nemnich. Nemnich konnte zunächst auch den Verleger Gebauer in Halle an der Saale gewinnen, später ließ er die Wörterbücher in Hamburg selbst drucken. Das Allgemeine Wörterbuch der Marine fand nicht zuletzt an küstenfernen Orten Anklang: In der Subskriptionsliste erscheinen die Literarische Gesellschaft zu Altenburg, die Berliner Gesellschaft Naturforschender Freunde, Buchhandlungen von Basel bis Kopenhagen, zahlreiche Lesegesellschaften sowie Universitäts-, Stadt-, Rats-, Schul- und Kirchenbibliotheken – auch die „herzogliche Bibliothek“ in Wolfenbüttel. Unter den erwähnten Einzelpersonen sind neben angesehenen Hamburger Bürgern und Bürgerinnen zahlreiche Adelige, Professoren, Juristen, Geistliche, Kriegsräte, Diplomaten, Kammerherren und ein „Schauspiel-Director“, darunter Frauen wie das „Fräulein von Frankenberg“ und „Madame Rahusen, geb. Roosen“.

Vorangestellt ist dem Allgemeinen Wörterbuch eine kommentierte und durch Namens- und Sachregister erschlossene Bibliografie. Thematisch relevante Abhandlungen aus den Publikationen der britischen, schwedischen, niederländischen und russischen wissenschaftlichen Akademien sind darin gesondert aufgeführt. Das Wörterverzeichnis enthält „Kunstwörter“ in acht Sprachen aus Themenbereichen wie Handels- und Frachtschifffahrt, Schiff- und Bootsbau, Seekrieg, Nautik und Seerecht. Vor allem war Röding an den maritimen Gewerken gelegen: „Reepschlägerkunst, Segelmacherkunst, Blockdreherkunst, &c.“ Der vierte Band mit 115 Tafeln zeigt Kupferstiche von Schiffen und speziellen Gerätschaften.

"Ein doppeltes Pirogue zu O-Taïti gebräuchlich", Johann Hinrich Röding, Allgemeines Wörterbuch der Marine in allen Europaeischen Seesprachen: nebst vollständigen Erklärungen; mit Kupfern, 4 Bde., Hamburg/Halle 1793-98, Bd. 4: CXV. Kupfertaf. nebst einer Erklärung der darauf befindl. Figuren, Tafel CII, F. 654, Herzog August Bibliothek, M: Jd 24:4. //www.hab.de/wp-content/uploads/2022/03/hab-hablog-buecher-und-meer-roeding-doppeltes-pirogue.jpg
"Ein doppeltes Pirogue zu O-Taïti gebräuchlich", Johann Hinrich Röding, Allgemeines Wörterbuch der Marine in allen Europaeischen Seesprachen: nebst vollständigen Erklärungen; mit Kupfern, 4 Bde., Hamburg/Halle 1793-98, Bd. 4: CXV. Kupfertaf. nebst einer Erklärung der darauf befindl. Figuren, Tafel CII, F. 654, Herzog August Bibliothek, M: Jd 24:4.

Mit diesen mussten Rödings weitgereiste Informanten ständig umgehen, und gewiss war das Wörterbuch nützlich bei der Ausbildung der Seeleute. Doch ausdrücklich versicherte Röding: „In der bei jedem Worte befindlichen Erklärung habe ich mich bemühet, mich so deutlich und verständlich auszudrücken, dass auch jeder der nicht Seemann ist, die Sache wird verstehen können.“ Warum aber sollte ein binnenländisches Laienpublikum nachschlagen, wie die „Voroberbramtoppenants“, die „Puttings der Marsjungfern“ oder ein „gestroppter Violblock“  aussahen? Warum sollte es sich dafür interessieren, wie die Hängematten der Matrosen beschaffen waren oder was es bedeutete, „See-Füsse“ zu haben?

 

Die Frühe Neuzeit: Eine maritime Epoche

Rödings Werk ist ein anschauliches Beispiel für die frühneuzeitliche Erschließung neuer Wissensräume, konkret: maritimer Räume. Dieses Phänomen beleuchtete auch eine Tagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, deren Ertrag nun in dem Band Das Meer. Maritime Welten in der Frühen Neuzeit versammelt ist. Denn das wachsende Interesse am Meer war ein Spezifikum der Zeit seit 1500, ja: Die Frühe Neuzeit kann als maritime Epoche schlechthin gelten.

Fernab der Küsten, an Orten wie der Herzog August Bibliothek, finden sich dafür zahlreiche Indizien, etwa in Portolankarten (frühen Seekarten) der herzoglichen Kartensammlung oder in Reiseberichten, die – das zeigen die Ausleihregister der Herzog August Bibliothek – besonders im 18. Jahrhundert fleißig gelesen wurden. Nicht zuletzt finden sich in der frühneuzeitlichen Druckgraphik zahlreiche Darstellungen von Schiffbrüchen und einsamen Inseln. Auch in der Emblematik sind maritime Bildmotive breit vertreten. Ihnen war im Zusammenhang mit der Tagung eine eigene Ausstellung gewidmet, die nun in der Reihe „Wolfenbütteler Hefte“ unter dem Titel Seewege und Küstenlinien. Maritime Welten in der Herzog August Bibliothek dokumentiert ist.

Dass die Frühe Neuzeit eine maritime Epoche war, hängt mit technologischen und geopolitischen Entwicklungen zusammen, aber auch mit einem Wandel der Wahrnehmung. In der Antike und im Mittelalter hatten die Ozeane eine mentale „Schranke“ gebildet, deren Passieren eine Grenzverletzung darstellte; nun schien es möglich, sie zu überwinden. Nicht selten wurde die risikoreiche Seefahrt mit Wohlstand und Wissensgewinn belohnt. Was jenseits der Meere lag, verhieß eine bessere Zukunft, inspirierte bisweilen sogar utopisches Denken.

Um den epochalen Eigenwert der Frühen Neuzeit zu bestimmen, verweisen Historiker und Historikerinnen auch auf die europäische Expansion, die weitgehend auf dem Seeweg stattfand. Die transozeanische Mobilität nahm in dieser Zeit spürbar zu. Dadurch konnte man in Europa mehr über ferne Kontinente und über die Meere dazwischen erfahren als je zuvor.

Zudem entstanden durch die Seefahrt viele für die Globalisierung wichtige Kontakte zu fremden Kulturen: Das Meer wurde ein Begegnungsraum. So zeigt Rödings Tafelband neben einer „Holzgelle oder Kahn auf der Ober-Elbe“ auch außereuropäische Schiffstypen wie „ein Djerm auf dem Nil“ oder „ein doppeltes Piroge zu O-Taïti gebräuchlich“. Sein vielsprachiges Werk diente als Nachschlagewerk für zahlreiche Übersetzungen. Besonders in der beliebten Reiseliteratur wurde die „Seesprache“ ausgiebig verwendet. Offenbar war das Wörterbuch so nützlich, dass Nemnich 1815 auch eine englische Version auf den Markt brachte.

Rödings Wörterbuch zeigt indessen auch die Kehrseite des europäischen Vordringens in maritime Räume. So verzeichnet es den „Asiento de Negros“, einen Vertrag, der es Sklavenhändlern ermöglichte, zahlreiche Menschen aus Afrika in die spanischen Kolonien zu verschleppen. Wie die gewaltsamen Sklaventransporte waren die immer häufiger global geführten Seekriege ein Teil der europäischen Expansion – auf den Seiten des Wörterbuchs nehmen sie viel Raum ein. Schließlich begann mit der Überquerung der Ozeane auch der „Columbian Exchange“, der Waren wie den Tee nach Europa brachte. Dort verbesserte dieser biologische Austausch zwar die Ernährungslage; zugleich aber ermöglichte er die Verbreitung von Krankheiten, die viele Menschen außerhalb Europas das Leben kosteten. Nicht zuletzt zog er folgenreiche Veränderungen der natürlichen Umwelt nach sich.

Röding und sein zeitgenössisches Publikum waren fasziniert vom Meer und von allem, was dazugehörte. Diese Faszination ist heute ein zentrales und zukunftsträchtiges Feld der Frühneuzeitforschung.

 

#HAB und Gut


Abbildung: "Eine Chinesische Junke", Johann Hinrich Röding, Allgemeines Wörterbuch der Marine in allen Europaeischen Seesprachen: nebst vollständigen Erklärungen; mit Kupfern, 4 Bde., Hamburg/Halle 1793-98, Bd. 4: CXV. Kupfertaf. nebst einer Erklärung der darauf befindl. Figuren, Tafel LXXXVI, F. 502, Herzog August Bibliothek, M: Jd 24:4.


Die Autorin

PD Dr. Sünne Juterczenka ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kulturgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit im Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie erforscht unter anderem maritime Geschichte und Wissensgeschichte. Dabei interessieren sie vor allem kulturelle Kontakte, Transfers und Verflechtungen.

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HAB Geburtstag! || HAB

22.02.2022

 

Der Festakt

Der offizielle Startschuss zum Jubiläumsjahr wird mit einem Festakt am 5. April gegeben, zu dem wir hohe Gäste aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft erwarten.

Als Festredner für diesen besonderen Anlass konnte die HAB den Historiker und Autor Prof. Dr. Ulrich Raulff gewinnen. Dieser war Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sowie Leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Seit 2018 ist er Präsident des Instituts für Auslandsbeziehungen. Raulff forscht zur Ideen- und Kulturgeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Als Wissenschaftler mit einem besonderen Interesse für die Bibliothek als Forschungsgebiet war er der HAB stets verbunden. Gemeinsam mit Helwig Schmidt-Glintzer und Hellmut Seemann gründete er die Zeitschrift für Ideengeschichte. Seit 2020 ist Ulrich Raulff Mitglied des Kuratoriums der Herzog August-Bibliothek Wolfenbüttel.

Im Rahmen der Feierlichkeiten wird eine große Sonderausstellung zur Geschichte des Wissens und zur Kultur des Buches eröffnet.

 

Die Ausstellung

„Wir machen Bücher.“ So lautet der Titel dieser Ausstellung, die ab dem 05.04.2022 in der Bibliotheca Augusta zu sehen sein wird. Nach einer Einführung zur Geschichte der Bibliothek veranschaulicht die Sektion „Die Taten der Bibliothek“, wie aus den Büchern in den Beständen der Bibliothek neue Bücher entstanden: gelehrte Abhandlungen und wissenschaftliche Studien, aber auch Romane, Kataloge, Faksimiles und Editionen - gedruckt und digital. Einen Blick in die „Schatz- und Wunderkammer“ und damit auf ganz besonders wertvolle aber auch kuriose Stücke aus dem Bestand der HAB ermöglicht die dritte Sektion der Ausstellung. Hier wird – zum ersten Mal seit sechs Jahren – das Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England zu sehen sein. Die vierte Sektion der Ausstellung zeigt „die Bibliothek im Buch“: Seit vier Jahrhunderten ist die Wolfenbütteler Bibliothek selbst Gegenstand verschiedenster Publikationen. Der Fokus der fünften Sektion liegt auf der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem alten Buch: Aus der großen Sammlung von Künstlerbüchern werden jene vorgestellt, die sich unmittelbar auf Werke in der Bibliothek beziehen. Darüber hinaus gibt es auch ein Wiedersehen mit unsterblichen Barockfiguren wie Simplicissimus und Don Quixote. „Wir machen Bücher“ – die Sonderausstellung zeigt, dass die Bibliothek immer schon ein dynamischer Ort der Entstehung von Neuem war.

 

Das Sonderpostwertzeichen

Philatelisten aufgepasst! Unter der Überschrift „große Themen auf kleinstem Raum“ gibt das Bundesministerium der Finanzen jedes Jahr um die 50 Sondermarken zu den verschiedensten Themen heraus.

In diesem Jahr gehört die Herzog August Bibliothek zu den Auserwählten. Die Briefmarke wird den Nennwert von 190 Cent tragen. Am 28. April wird die Briefmarke in der Herzog August Bibliothek präsentiert. Wer einen Ersttagsstempel ergattern möchte, hat an diesem Tage die Möglichkeit dazu.

 

Der Podcast

Wir wollen Ihnen etwas erzählen, und zwar in Kürze auf allen bekannten Podcast-Plattformen. Bald ist „HAB gehört“, der Podcast der Herzog August Bibliothek da! Die HAB hat viele Gesichter – sowohl im Wortsinne als auch im übertragenen Sinn. Mit „HAB gehört“ wollen wir sie in diesem Jubiläumsjahr zu Wort kommen lassen und Ihnen so Einblicke in die vielfältigen Inhalte der HAB verschaffen. Den Auftakt machen wir in Episode 1 mit Prof. Dr. Burschel, dem Direktor der Bibliothek. Peter Burschel erzählt, was genau vor 450 Jahren passiert ist und führt uns durch die Geschichte der HAB bis zu ihrer Gegenwart.

 

Die Publikationen

Der runde Geburtstag der HAB ist ein willkommener Anlass für verschiedene Publikationen des Hauses, die 2022 entstehen.

Bereits im Erscheinen ist Peter Burschels „Die Herzog August Bibliothek. Eine Geschichte in Büchern“. Das im Insel-Verlag publizierte Buch erzählt die Geschichte der Wolfenbütteler Bibliothek und zeigt zudem den Einfluss einzelner Werke auf ganze Sammlungen. In Vorbereitung sind außerdem ein Sammelband zur Sammlungsgeschichte der HAB sowie eine Publikation zur Künstlerbuchsammlung.

Ästhetisch ansprechend gestaltet, bietet Letztere einen genussvollen Zugang zu der Künstlerbuch-Sammlung der HAB. In Form eines Übersichtsbandes wird hier ein Querschnitt durch die Ankäufe jüngster Zeit abgebildet. Dabei veranschaulicht der Band Konstanten in der Erwerbungspolitik der HAB, indem thematische Sammlungslinien ausgemacht und Entwicklungen des Genres Künstlerbuch herausgestellt werden.

Im Zentrum des Bandes zur Geschichte der HAB stehen die Sammlungen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert, die zusammen den Bestand der Wolfenbütteler Bibliothek bilden. Verschiedene Grundlagenkapitel nehmen einzelne Bibliotheken und Bestandsgruppen als großes Ganzes in den Blick. Genannt seien hier exemplarisch die Kapitel zur Bibliotheca Augusta oder der Helmstedter Universitätsbibliothek. Darüber hinaus vertiefen – jeweils einer der Bestandsgruppen zugeordnet – diverse kürzere Kapitel einzelne Aspekte der Bibliotheksgeschichte. Als einendes Element fragen dabei alle Beiträge nach sammlungsspezifischen Zusammenhängen: Wie wird das Gesammelte Teil der Bibliothek? In wieweit stellt die Bibliothek eine Strategie zur Bewältigung unsystematischer Ansammlung von Büchern und Objekten dar? Was heißt „Sammlung“ im Allgemeinen und im Besonderen?

 

Der Tag der offenen Tür

Am 2. Juli machen wir unsere Türen weit auf und laden Sie ein, die Bibliothek kennenzulernen. Das Programm wird vielseitig sein. So wird an diesem Tag zum Beispiel in einem Public History Format Bibliotheksgeschichte unter einem geschlechterspezifischen Aspekt präsentiert. Unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrike Gleixner stellen Studierende der TU Berlin fünf Privatbibliotheken von Fürstinnen und Fürsten des 16. bis 18. Jahrhunderts vor und zeigen, dass in der Frühen Neuzeit sowohl fürstliche Männer als auch Frauen Bücher sammelten. Darüber hinaus wird es Führungen und Workshops – für Erwachsene und Kinder – geben.

Neben derlei informativen Formaten freuen wir uns aber natürlich auch auf unterhaltsame Programmpunkte wie z.B. Live-Musik und ganz viel Geburtstagskuchen. Kommen Sie nach Wolfenbüttel und feiern Sie mit uns. Diese Einladung können Sie nicht ausschlagen – man wird schließlich nur einmal 450 Jahre alt!

 

#HAB und Gut #HABewegt #HABegegnung

HAB ’ne Frage… || HABlog – HAB

03.01.2022

Wir haben Dr. Sandra Simon und Dr. Sven Limbeck gefragt, wer eigentlich bestimmt, welche Bücher für die HAB angekauft werden und auf Basis welcher Kriterien diese Entscheidungen getroffen werden. Sandra Simon, Koordinatorin der Fachreferate, sagt:

„Die HAB ist eine Forschungsbibliothek mit Schwerpunkten in der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung. Der Grundstock der Bibliothek ist der historische Bestand, der seit inzwischen fast 450 Jahren in Wolfenbüttel gepflegt und punktuell ergänzt wird. Für die Forschung an und mit den historischen Beständen wird ein großer Bestand an Forschungsliteratur bereitgestellt und stetig erweitert.

Für die Entscheidung, welche Medien für die HAB gekauft werden, sind Fachreferentinnen und Fachreferenten zuständig.

Fachreferent*innen sind Personen mit einem wissenschaftlichen Studienabschluss, die in der Regel über eine bibliothekarische Zusatzausbildung verfügen und für die Medienauswahl (Bücher, Zeitschriften, Datenbanken, E-Ressourcen) in der Bibliothek zuständig sind. In der HAB sind derzeit 17 Fachreferent*innen für 28 Fachreferate zuständig und werden von 13 Bibliothekar*innen in der Medienbearbeitung unterstützt. Die drei größten Fächer sind die Geschichte, die Germanistik sowie die Theologie.

Für ihre Entscheidungen, welche Medien gekauft werden sollen, stehen den Fachreferent*innen verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung. Dies sind Bibliographien wie die Deutsche Nationalbibliographie und die British National Bibliography, Verlagsankündigungen, aber auch Neuerscheinungsverzeichnisse des Buchhandels, die auf das jeweilige Fachreferat zugeschnitten werden können. Darüber hinaus können Rezensionszeitschriften, social media sowie Mailinglisten von Fachgesellschaften die Fachreferatsarbeit zum einen im Hinblick auf Neuerscheinungen, zum anderen aber auch im Hinblick auf einen Überblick über aktuelle Forschungsthemen unterstützen. Des Weiteren wird die Fachreferatsarbeit durch Anschaffungswünsche der Nutzer*innen der HAB, die an erwerbung@hab.de gerichtet werden können, ergänzt.

Neben den genannten Hilfsmitteln orientieren sich die Fachreferent*innen bei ihren Entscheidungen an den allgemeinen Erwerbungskriterien der HAB, d.h. Medien mit Bezug zu den Sammelschwerpunkten in der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung sowie dem 18. Jahrhundert werden möglichst umfassend erworben. Medien, die über diesen engen Zuschnitt hinausgehen, werden berücksichtigt, allerdings erfolgt hier eine strenge Auswahl.

Alle Fachreferent*innen entscheiden im Rahmen dieser allgemeinen sowie der für die eigenen Fächer fachspezifischen Erwerbungskriterien eigenständig über die Erwerbung von gedruckten und elektronischen Büchern. Über Erwerbungen, die Folgekosten nach sich ziehen, d.h. jährlich zu zahlende Lizenzgebühren bei Datenbanken oder Abonnementkosten bei Zeitschriften, entscheiden alle Fachreferent*innen gemeinsam.

Insgesamt wird der Bestand an Forschungsliteratur der HAB durch die kontinuierliche Fachreferatsarbeit jährlich um ca. 8.500 Bücher sowie einige Datenbanken und Zeitschriften erweitert.“


Sven Limbeck ist als Fachreferent unter anderem für das Fachreferat Musikwissenschaft zuständig.

Erwerbungen im Fach Musikwissenschaft sollen das Fach in seiner ganzen systematischen Breite und historischen Tiefe berücksichtigen.

„Die Herzog August Bibliothek ist eine Bibliothek mit einem bedeutenden musikalischen Altbestand. Er reicht bei den mittelalterlichen Handschriften bis an die frühesten Anfänge der Aufzeichnung von Musik zurück, umfasst einige der bedeutendsten Quellen der mittelalterlichen Polyphonie und verfügt nicht zuletzt über einzigartige Bestände bei frühbarocken Meistern wie Michael Praetorius und Heinrich Schütz. Daher liegt der Schwerpunkt bei der Forschungsliteratur natürlich auf der historischen Musikwissenschaft, die für das Mittelalter (einstimmige und mehrstimmige Musik) und die Frühe Neuzeit (insbesondere die evangelische Kirchenmusik, die Vokalpolyphonie, das ganze Barockzeitalter, die Oper bis zur Vorklassik) auch in ihrer Internationalität möglichst vollständig vorhanden sein sollte. Bei den systematischen Teildisziplinen, etwa Notationskunde, Musiktheorie, Instrumentenkunde oder Genderforschung, gilt Entsprechendes.

Umgekehrt spielt beispielsweise die musiksoziologische oder -pädagogische Literatur, wenn sie keine historische Ausrichtung hat, für uns kaum eine Rolle. Grundlagenwerke (Nachschlagewerke, Handbücher, Biographien, grundlegende musikanalytische und kulturwissenschaftliche Monographien und Sammelbände) werden in möglichster Breite auch für die jüngere Musikgeschichte,  d h. zu Komponist*innen vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, angeschafft. Hierzu zählen etwa auch ausgewählte Titel über Jazz und populäre Musik (z. B. Bob Dylan, David Bowie u.a.) oder Rezeptionsphänomene – wer sich mit dem Nachleben der deutschen Literatur des Mittelalters beschäftigt, braucht irgendwann die Literatur über Richard Wagner…

Notenausgaben zählen zu den wichtigsten Quellen sowohl des praktischen Musizierens wie auch der musikwissenschaftlichen Forschung. Wir beziehen deshalb die historisch-kritischen Gesamtausgaben der musikalischen Überlieferung des europäischen Mittelalters, die Editionscorpora und Werkausgaben der Komponisten des 16. bis 18. Jahrhunderts vollständig sowie eine Auswahl vieler bedeutender Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts. Musikpraktische Ausgaben finden insbesondere dann Berücksichtigung, wenn kritische Ausgaben ganz fehlen oder ihnen Quellen der Herzog August Bibliothek zugrunde liegen.“

HABen Sie auch 'ne Frage? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an: hablog@hab.de

 

#HABehind the Scenes