Lessons learned || HAB

02.11.2021

Im Jahr 2018 kam durch die Initiative von Richard Ovenden, dem Direktor der Bodleian Libraries in Oxford, ein Kooperationsprojekt zustande, das die Digitalisierung von mittelalterlichen Handschriften aus deutschen Klöstern zum Ziel hatte. Sowohl in Oxford als auch in Wolfenbüttel gibt es große geschlossene Bestände dieser Herkunft, sodass eine Zusammenarbeit der beiden Bibliotheken nahelag.

Die großzügige Förderung durch die Polonsky Foundation ermöglichte der HAB die Anschaffung modernster Aufnahmetechnik sowie die Unterstützung des Projekts durch Fachpersonal und eine wissenschaftlich Hilfskraft. So konnten exzellente Neuaufnahmen und informative Katalogdaten in das Projektportal eingespeist werden.

Innerhalb von gut zwei Jahren wurden in Oxford und Wolfenbüttel rund 600 Handschriften vollständig digitalisiert und online zugänglich gemacht. In der HAB wurden rund 250 Handschriften mit knapp 110.000 Seiten digitalisiert. Das Projekt ermöglichte eine konservatorische Begleitung, die eine Digitalisierung oftmals erst möglich machte. Einbände und Buchblöcke wurden vielfach durch restauratorische Maßnahmen in einen Zustand gebracht, der eine gefährdungsfreie Arbeit in der Fotowerkstatt erlaubte. Ohne diese Vorarbeiten hätten manche Stücke von der Digitalisierung ausgeschlossen werden müssen. Es zeigte sich, dass die möglichst vollständige Erfassung von Beständen ohne vorherige Maßnahmen dieser Art nahezu unmöglich wäre.

Die neue Kameratechnik ermöglichte digitale Aufnahmen mit über 600 dpi. Dadurch können nun auch kleinste Details der Schrift und der Buchmalerei am Bildschirm durch Vergrößerung mit höchster Präzision wiedergegeben werden. Im Zuge des Projekts wurde an der HAB die IIIF-Technologie eingeführt. Das Kürzel steht für International Image Interoperability Framework. Diese weltweit genutzte Technologie ermöglicht eine verbesserte Präsentation, Vernetzung und Nutzung der Digitalisate durch Forscher*innen und eine interessierte Öffentlichkeit. In diesem Bereich brachte das Projekt einen vielfach nachnutzbaren Innovationsschub. Künftig soll die IIIF-Technologie bei der Präsentation aller digitalisierten Handschriften, historischen Landkarten und druckgraphischen Blättern implementiert werden.

Die wissenschaftliche Erschließung der mittelalterlichen Handschriften ist an der HAB, die zugleich als Handschriftenzentrum für Norddeutschland fungiert, in vollem Gange: In mehreren Projekten, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden, sind momentan Handschriften der HAB, der SUB Göttingen und der Stadtbibliothek Lübeck in Bearbeitung. Daneben laufen ebenfalls DFG-geförderte Digitalisierungsprojekte zu Handschriften aus Wolfenbüttel und Bremen. Ziel ist die vollständige Digitalisierung aller mittelalterlichen Handschriften und ihre detaillierte Erschließung. Dabei geht es um die in den Handschriften überlieferten Texte, ihre künstlerische Ausstattung in Form von Buchmalerei und Einbänden, ihre Herkunft und die Rekonstruktion der Besitzwechsel, die sie im Laufe der Jahrhunderte erfahren haben.

Die in der HAB befindlichen Bestände aus Klosterbibliotheken stammen vor allem aus norddeutschen Ordenshäusern und aus der elsässischen Abtei Weißenburg. Klosterbestände waren bereits Gegenstand eines großangelegten Forschungsprojekts von HAB und Universität Göttingen, in dem die Bibliotheken von Klöstern und Stiften in Goslar, Wöltingerode, Steterburg, Heiningen und Dorstadt untersucht wurden.

Die im Polonsky-Projekt digitalisierten Handschriften aus den Klöstern in Weißenburg, Lamspringe, Clus (bei Bad Gandersheim), Marienberg (bei Helmstedt), aus dem Stift St. Blasius in Braunschweig und weiteren Ordenshäusern bieten eine hervorragende Grundlage für weitere Forschungen zu Bildung und Frömmigkeit in mittelalterlichen Frauen- und Männerklöstern. Alle vorhandenen Digitalisate und Beschreibungen der Handschriften sind in der laufend erweiterten Handschriftendatenbank der HAB online frei verfügbar.

Besonders die bisher nur unzureichend erforschten, umfangreichen Bestände aus Marienberg und St. Blasius in Braunschweig werden in näherer Zukunft Gegenstand innovativer Forschungsprojekte sein, in denen es um Literatur, Wissenschaft und Frömmigkeit in Konventen und Ordensgemeinschaften gehen wird. Diese Forschungen sollen auch künftig in Kooperation mit Mittelalterforscher*innen der Universität Oxford und den Bodleian Libraries durchgeführt werden, sodass beide Seiten weiterhin von der Erfahrung und Expertise ihrer Partner*innen profitieren können.

 

#HABewegt

 


Abbildung: Evangeliarium, Cod. Guelf. 84.3 Aug. 2°, 197v.

 

„Sein Kopf war seltsam verrückt und erfüllt von tausenden Vorstellungen.“ || HAB

06.10.2021

„[S]eltsam verrückt und erfüllt von tausenden Vorstellungen“, so scheinen bisweilen die Lesenotizen, die Ludwig Rudolph, der jüngste Sohn von Herzog Anton Ulrich, 1712 während eines Aufenthalts bei seinem Schwager Albrecht Ernst II. von Oettingen-Oettingen (1669-1731) machte. Bunt gemischt sind die Begriffe und Redewendungen, Autor*innennamen und Buchtitel, darunter auch das Titelzitat aus den beliebten Feenmärchen Le nouveau Gentilhomme bourgeois ou les fées à la mode (Amsterdam 1711) von Marie-Catherine d’Aulnoy, die Ludwig Rudolph zwischen dem 28. Januar und 1. Februar 1712 gelesen hatte. Im französischen Original „Sa tête étoit étrangement féleé et remplie de mille sortes d'imaginations“. Die Aufzeichnungen in seinem Tagebuch erlauben mit detaillierten Angaben einen seltenen Einblick in das fürstliche Leseverhalten.

Ludwig Rudolph hatte eigentlich eine Karriere im Militär angestrebt und in jungen Jahren „mehr lust zum Kriege alß zum büchern“ (Cod Guelf 217a Blank, S. 4) gehabt, wie er in seiner Autobiographie festhielt. Nachdem seine körperliche Verfassung und ausbleibende Erfolge auf dem Schlachtfeld eine steile militärische Karriere jedoch verhinderten, und er in das politische Geschehen seiner Zeit kaum eingebunden war, entwickelte er doch noch ein recht lebhaftes Interesse an Büchern. Aus der Bibliotheca Augusta in Wolfenbüttel entlieh er fleißig Werke geschichtlichen und religiösen Inhalts und fing an, sich eine eigene Büchersammlung aufzubauen. Auch seinen Aufenthalt im Fürstentum Oettingen-Oettingen 1712 verbrachte Ludwig Rudolph zu einem großen Teil mit ausgiebiger Lektüre. Grund für die Reise nach Süddeutschland, auf der ihn seine Ehefrau Christine Luise und seine jüngste Tochter Antoinette Amalie (1696-1762) begleiteten, dürfte allerdings nicht seine Leselust gewesen sein oder nur ein Besuch bei der Familie seiner Frau. Kaiser Karl VI. (1685-1740), der 1708 Ludwig Rudolphs älteste Tochter Elisabeth Christine (1691-1750) geheiratet hatte, hielt sich zu dieser Zeit zwecks Kaiserkrönung im Süden des Reichs auf und die beiden kamen Anfang 1712 in Nürnberg zusammen. Sicherlich bot der Besuch bei der Oettinger Verwandtschaft aber auch ein wenig Raum, um fern des heimischen Hofs ein wenig Zerstreuung und Abwechslung zu finden, und erst nach über einem halben Jahr machte sich Ludwig auf die Rückreise, die er ebenfalls detailliert in seinem Tagebuch beschrieb.

Bis zu seiner Abreise zählte Ludwig Rudolph knapp 50 gelesene Bücher und Traktate auf. Einige von ihnen, vor allem die theologische Erbauungsliteratur, wie die von seinem Beichtvater Eberhard Finen für ihn zusammengestellte Heylsame Seelen-Artzeney (Braunschweig 1711), konsultierte er gleich mehrfach. Um seinen Bücherhunger auf der Reise zu stillen, hatte Ludwig Rudolph etliche Bücher im Gepäck mitgebracht. Ein großer Teil der gelesenen Werke, so etwa eine Abhandlung über die Geschichte des Fürstentums Oettingen-Oettingen, stammte aber sehr wahrscheinlich aus der gut ausgestatteten Bibliothek seines Schwagers. Ludwig Rudolph legte in Schrattenhofen regelrechte Lesetage ein. So las er etwa im April und Anfang Mai alle sechs Bände von Giovanni Paolo Maranas L’espion dans les cours des princes chrétiens (Köln 1711), einer Sammlung fiktiver Briefe, die aus der Sicht eines türkischen Gesandten das Leben zur Zeit Ludwig XIV. kommentierten. Es war wie die meisten von ihm rezipierten Bücher und Traktate auf Französisch (gefolgt von Deutsch und Latein) verfasst, einer Sprache, die Ludwig Rudolph bereits in jungen Jahren erlernt und deren Kenntnisse er auf einer Kavalierstour nach Frankreich vervollkommnet hatte. In seinem Tagebuch notierte er sich immer wieder französische Ausdrücke und Redewendungen, die ihm wohl bisher nicht geläufig waren, wie auch die Namen etlicher Autor*innen und Bücher, die er gerne besitzen und lesen wollte.

Erstellt mit LibReTo. //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/09/hab-hablog-ludwig-rudolph-sprachen-kreisdiagramm.jpg
Erstellt mit LibReTo.

Während er die Lektürenotizen in seinem Tagebuch auf einige stichpunktartige Aufzeichnungen beschränkte, zeigen die von ihm überlieferten Exzerptbücher eine intensive Auseinandersetzung mit seiner Lektüre. Während seines Aufenthalts in Schrattenhofen exzerpierte er aus Casimir Freschots Abhandlung État ancien et moderne des duchés de Florence, Modene, Mantoue & Parme (Utrecht 1711) mehrere hundert Seiten (Cod Guelf. 176 Blank. u. Cod Guelf. 162b Blank.). Insgesamt gesehen variierte das fürstliche Leseverhalten in Oettingen-Oettingen stark und Ludwig Rudolph las gleichermaßen Unterhaltungs- wie auch religiöse Erbauungsliteratur sowie Abhandlungen, die das politische Geschehen der Zeit thematisieren. Dennoch sind die persönlichen Neigungen Ludwig Rudolphs deutlich erkennbar, insofern historisch-politische Bücher dominierten. Dazu zählen auch juristische Texte, aus denen sich Ludwig Rudolph beispielsweise die im Sinne des Absolutismus zeitgenössisch oft zitierte, auf das römische Recht zurückgehende Maxime notierte: „Princeps sit solutus Lege potestativa […] non tamen est solutus a dictamine rectæ rationis, nec a jure naturali.“ („Der Fürst sei vom positiven Gesetz losgelöst, nicht jedoch vom Diktat der richtigen Vernunft und nicht vom Naturrecht.“, Cod. Guelf. 286 Blank. S. 43). Dies wie auch die vielen anderen Exzerpte, die Ludwig Rudolph zu Papier brachte, zeigen, dass die Lektüre nicht nur seinem Vergnügen oder seiner Erbauung diente, sondern auch der „Connoissance esseuree“ (S. 4), der Vertiefung von Kenntnissen.

Zu Tage tritt aber auch Ludwig Rudolphs „Bibliomanie“ (S. 14), ein aus dem Französischen übernommener Begriff, den er sich ohne direkte Quellenangabe wohl am 21. Februar 1712 notierte. Diese Bibliomanie führte dazu, dass Ludwig Rudolph von seiner Reise zurückgekehrt ab 1714 seine seit 1709 in Blankenburg aufgestellte Bibliothek systematisch erweiterte, bis sie bei seinem Tod 1735 gut 15.000 Bände umfasste.

Das Ex Libris Ludwig Rudolphs (Cod. Guelf. 28 Blank). //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/10/hab-hablog-ludwig-rudolph-ex-libris.jpg
Das Ex Libris Ludwig Rudolphs (Cod. Guelf. 28 Blank).

Er hinterließ damit, seinem Großvater August d. J. nicht unähnlich, ein Zeugnis „barocker Bücherlust“ (Paul Raabe), das Mitte des 18. Jahrhunderts zu großen Teilen in die herzogliche Bibliothek in Wolfenbüttel überführt wurde und sich heute, zum Teil noch mit seinem Ex Libris versehen, in der Mittleren Aufstellung befindet.

 

#HABewegt

#HAB und Gut


Abbildung: Johann Konrad Eichler, Porträt des Herzogs Ludwig Rudolph zu Braunschweig-Lüneburg, 1731, Sign.: B 92.

„Im Prozess permanenter Veränderung“ || HABlog – HAB

07.09.2021

Als Christopher Wilde (Los Angeles) im Jahr 2004 für seine Reise nach Deutschland die Koffer packte, legte er auch einen ungewöhnlichen Gegenstand hinein: Einen leeren, handgehefteten Buchblock aus Büttenpapier ohne Deckel. Dieser Buchblock war eine Einladung der Organik Art Group, vertreten durch Wilde selbst, Marshall Weber und Kurt Allerslev (beide New York) an die Künstlerinnengruppe ‹usus›. Der Name dieser Gruppe ergibt sich aus den Initialen ihrer zwei Begründerinnen: Uta Schneider (Offenbach am Main) und Ulrike Stoltz (Berlin). Schneider und Stoltz nahmen die Einladung an. So begann eine Zusammenarbeit, die ein langjähriger kollegialer Austausch voller Freundschaft und gegenseitiger Inspiration krönen sollte.

„Für dieses Buch gab es keine Spielregeln. Alles war erlaubt, jede Technik möglich“, beschreibt Ulrike Stoltz das Projekt. Die Künstler*innen gestalteten das Buch nacheinander und aufeinander aufbauend. Als Erste füllte Ulrike Stoltz die 196 Buchseiten in Handschrift mit ihrem Text Lady Mikado. Dieser verschwand dann zunehmend unter den verschiedenen Schichten von Farben und Formen, unter den Nähten, den Klebestreifen und Stempeln, die das Buch nach und nach füllten.

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„Der jetzt lesbare Text ist eine poetische Beschreibung dessen, was in dem Buch zu dem damaligen Zeitpunkt zu sehen war, was ich mit den abstrakten Formen spontan assoziierte – häufig Landschaftliches“, erzählt Ulrike Stoltz. Daher auch der Titel: Lady Mikado’s Landscape.

Da die Künstler*innen aufgrund vergangener Erfahrungen dem Postversand kein Vertrauen entgegenbrachten, reiste das Buch ausschließlich im Handgepäck über den Atlantik. Die amerikanischen Künstler nahmen an der Frankfurter Buchmesse teil, die Künstlerinnen hinter ‹usus› machten Vortragsreisen in die Vereinigten Staaten. So dauerte es acht Jahre, das Künstlerbuch fertigzustellen. Alle Künstler*innen antworteten mit ihrer Arbeit auf die Arbeit der Vorgänger*innen. Heute ist es selbst für die Beteiligten nicht immer möglich, zu unterscheiden, wer was wann hinzugefügt hat.

„Das Buch war im Prozess permanenter Veränderung“, sagt Stoltz. „Durch die radikale Freigabe des Buchraums kam es vor, dass Beteiligte die eigenen Spuren (Zeichnungen, Texte) beim nächsten Mal gar nicht oder in völlig veränderter Form wiederfanden, weil die Kolleg*innen Teile ausgeschnitten, zugeklebt oder übermalt hatten.“ Eine solche Zusammenarbeit erfordert uneingeschränktes Vertrauen darauf, dass die Partner*innen beim Arbeiten immer das Buch als Ganzes im Auge haben. Die künstlerische Identität muss zugunsten des Gesamtwerks zurücktreten, damit aus fünf eins werden kann.

Heute gehört Lady Mikado's Landscape zur Künstlerbuchsammlung der HAB. Marshall Weber, der als Teil der Organic Art Group ebenfalls an der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Werkes beteiligt war, erhielt für sein Projekt The Wolfenbüttel People’s Library 2019 den Künstlerbuchpreis der Herzog August Bibliothek. Stoltz und Weber verbindet eine langjährige künstlerische Zusammenarbeit, die nun in Gestalt des Künstlerbuches in der HAB sicht- und greifbar geworden ist.

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Im Jahr 2020 verlieh die HAB gemeinsam mit der Curt Mast Jägermeister Stiftung den Künstlerbuchpreis an Ulrike Stoltz. Die Typografin und Buchkünstlerin war bis 2018 Professorin für Typografie an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig und gilt als Wegbereiterin und Vermittlerin des Genres Künstlerbuch. Ausgezeichnet wurde ihr Projektentwurf Caro Giordano. Resonanzen & Gestrüpp.  Im Verlauf eines Jahres fertigte sie hierzu ein Künstlerbuch an, das als „Kaleidoskop aus Texten und Bildern“ bezeichnet werden kann. Es nähert sich dem Leben und Wirken des Philosophen Giordano Bruno aus unterschiedlichsten Perspektiven und spürt verschiedensten Resonanzen nach. Den Ausgangspunkt dieser Spurensuche fand Ulrike Stoltz aber in der HAB: Es war der berühmte Brief, den Bruno am 6. Oktober 1589 in Helmstedt schrieb und den die Bibliothek aufbewahrt.

Am 9. September stellt Ulrike Stoltz im Rahmen der Preisverleihung das fertige Künstlerbuch Caro Giordano. Resonanzen & Gestrüpp zum ersten Mal dem Publikum vor. Die Veranstaltung wird per Livestream übertragen. Zusätzlich gibt es zu dem fertigen Ergebnis, dem Arbeitsprozess der Künstlerin und ihrer Inspiration durch die Werke Giordano Brunos eine kleine Ausstellung im Zeughaus. Mehr Informationen dazu gibt es hier: Caro Giordano – Preisverleihung und Präsentation des Künstlerbuchs – HAB

 

#HAB und Gut


Was macht eigentlich eine Fotografenmeisterin an der HAB? || HABlog – HAB

25.08.2021

HAB: Sie sind Fotografenmeisterin. Wie hat es Sie an die HAB verschlagen?

Michaela Weber: Das war ein glücklicher Zufall. Ich wollte eigentlich Bibliotheksassistentin werden und hatte mitbekommen, dass hier ein Ausbildungsplatz als Fotolaborantin zur Verfügung steht. Darauf habe ich mich beworben, aber auch noch eine Bewerbung hinterher geschoben zur Bibliotheksassistentenausbildung. Ich habe mir nicht allzu viele Hoffnung gemacht, hätte es nur zu gern gehabt, weil ich schon immer diese Faszination für alte Bücher hatte. Dann kam 1985 tatsächlich die Zusage für den Ausbildungsplatz zur Fotolaborantin. Ich habe die Ausbildung gemacht und das Glück gehabt, übernommen zu werden. Dann dachte ich mir irgendwann, es wäre schöner, wenn ich auch fotografieren könnte. Also habe ich eine verkürzte Fotografenausbildung gemacht und nach einigen weiteren Jahren bin ich zur Meisterschule gegangen und habe 2001 meine Prüfung abgelegt. Ich habe es nie bereut, dass ich mich für den fotografischen Berufszweig in der HAB entschieden habe.

 

Michaela Weber vor der Bibliothek. //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/08/hab-hablog-interview-fotografenmeisterin-vor-der-bibliothek.jpg
Michaela Weber vor der Bibliothek.

HAB: Was fasziniert Sie so an alten Büchern?

Michaela Weber: Ich bewundere, wie fein damals geschrieben wurde. Diese Feinheiten, die man in den Handschriftenminiaturen hat. Man sieht sie erst dann, wenn man die Digitalaufnahme vergrößert. Es ist unglaublich. Auf einmal sind da in den Wolken winzig kleine Gesichter. Diese Faszination ist da und wird immer bleiben.

In den letzten Jahren habe ich eine persönliche Faszination für Künstlerbücher entwickelt. Bei diesen modernen Büchern fehlte mir erst der Zugang. Aber mit der Restauratorin Katharina Mähler, die die Künstler selbst oft kennt und auch um deren Intentionen weiß, eröffnen sich mir völlig neue Welten. Zusammen überlegen wir, wie die Bücher ins rechte Licht zu setzen sind. Wie kommt das Wesen dieser Bücher zur Geltung? Eine faszinierende Arbeit, das genieße ich sehr.

HAB: Wie kommt es, dass Sie in der HAB mit Kameras arbeiten und nicht mit Scannern?

Michaela Weber: Diese Entscheidung war gar nicht so einfach. Ich habe aus meiner fotografischen Erfahrung gesagt: Ich möchte mit Kameras arbeiten. Scanner waren besonders in der Anfangszeit bei weitem nicht gut genug. Ich sollte auch sicherstellen, dass ich mich um die Geräte kümmern kann. Wenn bei unserer Spiegelreflex-Technik mal irgendwas hakt, kann ich mich selbst auf die Fehlersuche begeben und meistens bekomme ich es wieder hin. Außerdem bleiben wir so flexibel und müssen uns nicht an einen bestimmten Anbieter binden.

HAB: Welche Auswirkungen hatte die technische Weiterentwicklung auf Ihre Arbeit in der Fotowerkstatt?

Michaela Weber: Wir hatten das Glück, den Umbruch von analog zu digital mitgestalten zu können und sind richtig stolz darauf, wie wir die Fotowerkstatt weiterentwickelt haben. Als ich anfing, haben wir komplett analog gearbeitet. Filme wurden in unterschiedlicher Länge belichtet, entwickelt, auseinandergeschnitten, eingetascht, beschriftet; zuerst mit der Hand, später mit einer elektrischen Schreibmaschine. Es war ein finsterer Job mit wenig Tageslicht. Das Auftragsbuch wurde per Hand geführt. Manchmal kam es vor, dass sich ein Kunde nicht mehr an die Auftragsnummern erinnern konnte – dann verbrachten wir viel Zeit mit Suchen. Als die erste Auftragsdatenbank kam, das war großartig. Und die Arbeit im dunklem Fotolabor fiel weg. Dafür müssen wir jetzt mit der EDV-Stabsstelle immer sicherstellen, dass genügend Speicherplatz vorhanden ist. Auch die Weitergabe der Aufträge hat sich gewandelt: Zuerst haben wir Fotos verschickt, dann waren es CD-ROM, jetzt sind es Links zum Download.

HAB: Wie läuft ein Digitalisierungsauftrag ab?

Michaela Weber: Digitalisierungsaufträge kommen zunächst bei der Auskunft an. Dann wird bei der Restaurierwerkstatt angefragt, ob das Buch digitalisierbar ist. Die Kolleg*innen schauen: Was kann das Buch? Wie weit kann ich es aufschlagen? Worauf muss ich achten? Das Ergebnis bekommen wir schriftlich, zum Teil mit weiteren Hinweisen. Wir machen die Aufnahmen und legen die Bilder auf dem Server ab, kopieren sie noch auf ein Laufwerk für den Kunden-Download und machen eine ZIP-Datei daraus. Anschließend wird eine Rechnung und eine Email an den Besteller geschickt.

Wir sind im Haus sehr vernetzt und das ist schön, denn es gibt viele Rückfragen. Man hat auch oftmals unheimlich nette Kommunikation mit den Bestellern. Sie bedanken sich für das tolle Bild, für die nette Kommunikation oder dafür, dass es so schnell ging; das freut uns alle immer sehr.

HAB: Haben Sie gerade bei den kostbaren und seltenen Stücken auch manchmal Angst, ein Buch zu beschädigen?

Michaela Weber: Nein, aber wir gehen ja auch sehr vorsichtig vor. Wenn wir beim Digitalisieren merken, das tut dem Buch nicht gut, halten wir Rücksprache mit den Restauratoren. Es gibt immer mal wieder solche Fälle. Wir haben es in der Hand und merken, wenn ein Buch schon fast gequält seufzt beim Aufschlagen. Dann machen wir es gerne auch wieder zu. Jedes Buch ist einzigartig und muss auch so behandelt werden.

HAB: Welche verschiedenen Objekte haben Sie schon digitalisieren dürfen?

Michaela Weber: Das allermeiste sind Bücher. Aber natürlich hat die Bibliothek auch andere Objekte wie Büsten, Gemälde, die grafischen Sammlungen… Oder auch Besonderheiten wie Luthers Löffel, Luthers Trinkglas … Das sind die Dinge, die richtig Spaß machen.

HAB: Was war Ihr bisher aufregendstes Projekt?

Michaela Weber: Das aufregendste war eine etwa 10 Meter lange Thora-Rolle, die ich gemeinsam mit unserem Restaurator Heinrich Grau aufgenommen habe. Es war ein unheimlicher Aufwand. Wir haben sie zu zweit ausgerollt und die Aufnahmen immer nur segmentweise machen können. Wir mussten wahnsinnig vorsichtig sein, weil sie schon sehr alt und brüchig war.

HAB: Was sind die größten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit?

Michaela Weber: Große Formate sind immer eine riesige Herausforderung. Die Karten zum Beispiel, weil sie aus vielen Einzelaufnahmen zu einem ganzen Bild zusammengesetzt werden müssen. Das Handling großer Formate ist insgesamt sehr aufwändig. Zum Teil sind die Bücher auch wirklich schwer und die Arbeit mit ihnen ist körperlich sehr belastend. Die immer gleichen Bewegungen sind nicht besonders rückenschonend. Es ist eine schöne Arbeit, aber auch eine anstrengende Arbeit.

HAB: Was wäre Ihr Wunschdigitalisierungsprojekt?

Michaela Weber: Das Evangeliar Heinrich des Löwen und Mathildes von England. Es gibt nur Scans von den alten Ektachromen von 1985. Die sehen furchtbar aus. Wir haben zwar alle digitalisiert, aber wo nichts ist, kann man auch nichts hervorzaubern. Schärfe kann man nicht simulieren, vergrünte Farben nicht viel schöner machen.

HAB: Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft an der HAB?

Michaela Weber: Dass wir unsere gute Kommunikation beibehalten. Die Bibliothek ist eine sehr offene Institution, die sich bewegen kann. Ich finde es schön, wenn die Bibliothek als eine Institution wahrgenommen wird, die mitten unter uns ist, wo jeder hingehen kann, um sich Wissen anzueignen, in der man gute Ansprechpartner findet und zu guter Letzt schöne Bilder bekommt.


Die obige Abbildung zeigt den Wolfenbütteler Buchspiegel. Diese Buchwippe wurde von der Herzog August Bibliothek in Zusammenarbeit mit den Firmen Fototechnik Kaiser und Image Engineering entwickelt und erlaubt die Digitalisierung empfindlicher Bücher bei einem buchschonenden Öffnungswinkel von nur 45°.


#HABehind the Scenes

#HABegegnung

„Schuhe! Maske! Schlüssel!“ || HAB

04.08.2021

Das Interview wurde im Mai 2021 geführt und spiegelt daher den Stand der Dinge zu diesem Zeitpunkt wider. Wir möchten daher darauf hinweisen, dass nicht alle der hier beschriebenen Einschränkungen heute noch gelten. Unsere aktuellen Öffnungszeiten finden Sie hier.

HAB: Wie sah Ihr ursprünglicher Plan für Ihr Projekt und den Aufenthalt in Wolfenbüttel aus? Was hat gut funktioniert, welche Änderungen mussten Sie vornehmen?

Tomás: Mein ursprünglicher Plan sah vor, mir zunächst einen Überblick über die handschriftlichen Briefe von Johannes Caselius (1533-1613) zu verschaffen. Caselius war der vielleicht prominenteste lutherische Humanist des letzten Drittels des 16. Jahrhunderts und ein enorm einflussreicher Professor für Philosophie, zunächst an der Universität Rostock und später an der Universität Helmstedt. Es gibt 28 Bände seiner Manuskriptkorrespondenz in der HAB, es ist also eine riesige Menge an Quellenmaterial, die bisher in weiten Teilen noch nicht von Wissenschaftler*innen genutzt wurde. Ich wollte versuchen, im ersten Monat oder so ein Gefühl dafür zu bekommen, was da ist, bevor ich entscheide, wo ich tiefer eintauchen möchte. Als ich ankam, war der Handschriftenlesesaal allerdings geschlossen und das hat sich bisher nicht geändert. Dankenswerterweise waren die Mitarbeiter*innen der Handschriftenabteilung (insbesondere Dr. Christian Heitzmann) unglaublich hilfsbereit und haben viel Zeit und Mühe investiert, um herauszufinden, welche Manuskripte sicher in den Zeughaus-Lesesaal geschickt werden können, damit ich sie sichten kann. Es wurden sogar Restaurierungsarbeiten an den besonders empfindlichen Manuskripten durchgeführt, sodass auch diese letzten Endes hinübergeschickt werden konnten.

 

HAB: Sind Sie gut mit Ihrem Projekt vorangekommen? Sind Sie mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden?

Tomás: Ich glaube, ich habe schon recht große Fortschritte gemacht. Da mein Zugang zu den Manuskripten eingeschränkt war – und weil es sich um eine in mancher Hinsicht noch undurchsichtigere Quellenbasis handelt, als ich dachte – habe ich meinen Plan aufgegeben, Caselius' handschriftliche Korrespondenz zu untersuchen, wenn auch nur vorläufig. Stattdessen arbeite ich mich durch seine libri annotati (kommentierte Bücher, s. nächste Frage) und lese mich weiter in seine Publikationen ein, um dann mit besseren und präziseren Fragen an seine Manuskripte heranzugehen. Ich habe auch seine gedruckte Korrespondenz (in Ausgaben aus dem 16. und 17. Jahrhundert) gelesen, um ein Gefühl für seinen Schreibstil zu bekommen und sein Netzwerk zu erfassen. Das alles mit dem Ziel, die handschriftlichen Briefe, auf die ich mich hoffentlich bald wieder konzentrieren werde, besser verstehen zu können.

 

HAB: Hatten die ungewöhnlichen Bedingungen auch Vorteile?

Tomás: Ja, tatsächlich! Ich wusste ja, dass Caselius' persönliche Bibliothek im frühen 17. Jahrhundert an die Helmstedter Universitätsbibliothek gegeben worden war, also hatte ich mir gedacht, dass einige seiner Bücher, vielleicht mit Marginalien, in der HAB zu finden sein könnten. Aber ich hatte mich so sehr auf die Manuskripte konzentriert, dass ich seinen gedruckten Büchern nicht viel Beachtung schenkte. Als ich hier ankam und dachte, dass ich vielleicht monatelang kein Manuskript ansehen könnte, fragte ich den Leiter der Handschriftenabteilung, Dr. Christian Heitzmann, ob die HAB libri annotati von Caselius besäße. Er bejahte dies nicht nur, sondern zeigte mir freundlicherweise, wie man den Online-Katalog der HAB nach Provenienzen durchsuchen kann, wodurch ich mehr als neunzig Bücher ausfindig machen konnte, die sich früher in Caselius' Bibliothek befunden haben. Die Liste wird kontinuierlich erweitert, denn ich finde zusätzlich immer mehr Bücher, die noch nicht als Werke aus seinem Besitz katalogisiert sind. Das ist spannende Detektivarbeit. Viele dieser Bücher haben umfangreiche Marginalien und sind ausgezeichnete Quellen, um zu verstehen, wie dieser lutherische Humanist Texte las und interpretierte. Ohne das anfängliche Hindernis, dass der Handschriftenlesesaal geschlossen war, hätte es vielleicht noch lange gedauert, bis ich diesen wahren Schatz entdeckt hätte.

 

HAB: Wie erleben Sie die Bibliothek in der Pandemie?

Tomás: Abgesehen davon, dass ich in den Lesesaal gehe und Bücher bestelle, bekomme ich von der Bibliothek selbst leider nicht sehr viel mit. Wir können noch immer nicht im Freihandbestand stöbern, also bestelle ich meistens nur online von meinem Büro aus Bücher und komme dann alle paar Tage am Tresen im Zeughaus vorbei, um sie abzuholen.

 

HAB: Wie gestaltet sich Ihr Kontakt zu anderen Stipendiat*innen und den Mitarbeiter*innen der Bibliothek?

Tomás: Das war für mich wahrscheinlich einer der traurigsten Teile der Erfahrung "Wolfenbüttel in Zeiten von Corona". Ich hatte wunderbare Geschichten über die kollegiale Kultur in der HAB gehört, mit ihren Kaffeerunden und den regelmäßigen Gesprächen zwischen Wissenschaftler*innen und Mitarbeiter*innen. Davon ist aktuell natürlich fast nichts zu spüren. Die virtuellen Veranstaltungen und Kolloquien, die die Bibliothek anbietet, habe ich sehr genossen, aber es ist schwer, Menschen in einem solchen Rahmen wirklich kennenzulernen. Ich habe mich mit ein paar anderen Forscher*innen angefreundet (die auch für längere Aufenthalte hier sind), und wir gehen gelegentlich im Freien einen Kaffee trinken. Im April sind zwei Wissenschaftler*innen mit ihrer zweijährigen Tochter neben uns eingezogen. Das war für uns ein großes Glück, vor allem weil unser Sohn jetzt jemanden in seinem Alter zum Spielen hat! Der meiste Kontakt mit den Mitarbeiter*innen findet per E-Mail statt. Ich habe auch einige sehr freundliche Gespräche geführt, aber die derzeitige Atmosphäre wirkt sehr isolierend – es ist nahezu unmöglich, ein Gespräch mit jemandem anzufangen (was in einer fremden Kultur und einer fremden Sprache ohnehin schon eine Herausforderung ist!), da alle versuchen, den Kontakt zu anderen Menschen zu minimieren.

 

HAB: Wie sieht ein typischer Tag für Sie und Ihre Familie hier in Wolfenbüttel in Zeiten von Corona aus?

Tomás: Die meisten Tage sind nicht sonderlich aufregend. Ich stehe vor meiner Frau und meinem Sohn auf und verlasse die Wohnung meist gegen 7:30 Uhr. Ich gehe in mein Büro im Anna-Vorwerk-Haus, um zu arbeiten. Manchmal verbringe ich die gesamte Öffnungszeit (10 bis 16 Uhr) im Zeughaus-Lesesaal, an anderen Tagen bleibe ich bis 17 Uhr in meinem Büro und gehe dann zum Abendessen nach Hause. An etwa zwei Abenden in der Woche – zumindest während des amerikanischen Semesters, wenn an meiner Heimatuniversität viele virtuelle Veranstaltungen stattfinden – habe ich abends Besprechungen via Zoom, sodass ich bis spät in die Nacht im Büro bleibe. Meine Frau Eleanor ist eine "stay-at-home mom" (was in Zeiten von Corona fast wörtlich zu nehmen ist!) und verbringt daher den Tag mit Lesen und Spielen mit unserem Sohn Marvin (2) zu Hause und experimentiert mit deutschen Rezepten und der deutschen Kücheneinrichtung. Die beiden machen aber auch jeden Tag ein oder zwei lange Spaziergänge, sofern es draußen nicht zu ungemütlich ist, und kommen manchmal bei mir im Büro vorbei, um Hallo zu sagen. Die meiste Zeit verbringen wir abends und an den Wochenenden miteinander.

 

HAB: Gibt es eine besondere Erfahrung, die charakteristisch für Ihren Aufenthalt hier ist?

Tomás: Was mir dazu sofort in den Sinn kommt, ist das Bewusstsein meines Sohnes für Masken. Marvins Wortschatz hat sich seit unserer Ankunft sprunghaft entwickelt, und so ist es natürlich nicht verwunderlich, dass "Maske" ein Teil davon ist, aber es ist bezeichnend, dass er Masken als einen wesentlichen Bestandteil des Verlassens der Wohnung betrachtet. Wann immer wir uns zum Aufbruch bereitmachen, ruft er "Schuhe! Maske! Schlüssel!". Er hat sich auch angewöhnt, uns darauf hinzuweisen, wenn wir an jemandem vorbeigehen, der keine Maske trägt - was ein bisschen peinlich sein kann! Ich glaube nicht, dass dies in den USA der Fall gewesen wäre, oder zumindest nicht auf die gleiche Weise. Da wir ein eigenes Haus haben und überall mit dem Auto hinfahren, würde das Aufsetzen einer Maske nicht zur Routine gehören, wenn wir irgendwohin gehen, sondern nur, wenn wir zum Beispiel ein Lebensmittelgeschäft betreten. Auch ein Spaziergang in unserer Wohngegend in den USA würde normalerweise keine Maske erfordern. Marvins Verständnis von Masken wäre in den USA also nicht so sehr „das, was wir tragen, wenn wir das Haus verlassen“, sondern eher „das, was wir innerhalb bestimmter anderer Gebäude tragen“. Ich vermute, dass das eine Auswirkung darauf haben könnte, wie er die Beziehung zwischen der Außenwelt und seinem Zuhause sieht. Das hat also nicht unbedingt etwas mit der HAB zu tun - es ist vielmehr die Momentaufnahme einer amerikanischen Familie, die in Zeiten von Corona in eine deutsche Kleinstadt verpflanzt wurde.

 

#HABehind the Scenes


Tomás Valle befasst sich in seiner Forschung mit der lutherischen intellektuellen Kultur um 1600 mit einem besonderen Fokus auf ein Netzwerk von Professoren, die an den Universitäten Helmstedt und Rostock tätig waren. Seine Arbeit in Wolfenbüttel wird von der Fulbright Foundation gefördert. Lesen Sie hier unseren HABlog-Beitrag zur Restaurierung der Manuskripte von Johannes Caselius.

 

Wir möchten uns ganz herzlich bei Tomás und seiner Familie bedanken, dass sie uns an ihren Erfahrungen hier an der HAB teilhaben ließen

Matthias Schulz || HAB

Matthias Schulz studierte Kunstgeschichte an der Universität Leipzig sowie Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2015 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstwissenschaft der HBK Braunschweig. Von August 2017 bis Januar 2018 (sowie Febr./März 2019) war Matthias Schulz Stipendiat des Deutschen Studienzentrums in Venedig. Seine Dissertation verfasste er zu naturphilosophischen und […]

Aby Warburgs Kampf mit dem Bibliothekslindwurm || HAB

21.06.2021

Am Vormittag des 16. Dezember 1901 stehen zwei fröstelnde Männer im unbeheizten Handschriftenzimmer der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. Der ältere von beiden, Otto von Heinemann (1824–1904), versieht seit 32 Jahren das Amt des Oberbibliothekars. Routiniert legt er wertvolle Handschriften auf den langen Tisch, blättert einige Seiten auf und erläutert Herkunft, Inhalt und Besonderheiten.

Das Handschriftenzimmer in der Bibliotheca Augusta, Fotografie, um 1900. HAB: Top 2a (90). //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/05/hab-hablog-aby-warburg-abb-1.jpg
Das Handschriftenzimmer in der Bibliotheca Augusta, Fotografie, um 1900. HAB: Top 2a (90).

Der junge Mann neben ihm, der jede seiner Bewegungen aufmerksam verfolgt, hatte sich zuvor in das Benutzerbuch eingetragen: „A. Warburg, Dr. phil. Florenz, Privatgelehrter“. Heinemann ahnt nicht, wie sehr sein Gast darum bemüht ist, den interessierten Gesichtsausdruck und die Contenance zu bewahren.

Abends auf seinem Zimmer im Deutschen Haus in Braunschweig wird Aby Warburg seine Eindrücke und Empfindungen in einem Brief an seine Frau Mary Hertz (1866–1934) ausführlich schildern: Heinemann sei „stolz über seine Schätze, auch willens, dem lesebegierigen Fremden […] zu imponieren“. Doch zugleich habe sich der Bibliothekar auch „maßlos geärgert über die Störung in seinem Betrieb und über die Kälte“, als er Warburg „ein Manuskript nach dem anderen für zwei Minuten“ zeigte. Mit den dazu gemurmelten Bemerkungen sei Heinemann ihm vorgekommen „wie ein alter Zauberer“, der „den jungen Adepten in seinen Kräuterkasten hineinriechen läßt, jeden Augenblick bereit, ihm den Deckel auf die Nase fallen zu lassen“.

Warburg war nicht als schaulustiger Tourist gekommen. Bereits im März hatte er Heinemann, dem er im Jahr zuvor in Luzern begegnet war, eine Postkarte geschrieben und um Auskunft über vorhandene Quellen zu den Florentiner Familien Sassetti und Tornabuoni gebeten.

Aby Warburg an Otto von Heinemann, Postkarte aus Florenz vom 02. März 1901. HAB: BA II, 98, Nr. 14766. //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/05/hab-hablog-aby-warburg-abb-2.jpg
Aby Warburg an Otto von Heinemann, Postkarte aus Florenz vom 02. März 1901. HAB: BA II, 98, Nr. 14766.

Offenbar hatte er eine vielversprechende Antwort erhalten. Jetzt aber musste er darum bangen, überhaupt etwas vorgelegt zu bekommen, was ihm für seine Forschungsarbeit nützlich sein konnte: „Ich muß sehen, daß er morgen noch mit etwas rausrückt, sonst ist es hier verlorene Zeit.“

Warburg hatte allen Grund zur Besorgnis, denn Heinemann stand in dem Ruf, Benutzerwünschen gegenüber wenig aufgeschlossen zu sein. Noch in der Straßenbahn, die ihn von Braunschweig nach Wolfenbüttel brachte, wurde Warburg von „zwei Eingeborenen“ gewarnt, die Heinemann „bereits als unangenehmen Bibliothekslindwurm kannten und den Jüngling mit weisen Ratschlägen versahen wie ER zu bethören sei“. Wie Siegfried oder Jason sah sich Warburg gezwungen, das „Schlangenthier“ Heinemann zu überwinden, um zum begehrten Schatz zu gelangen.

Jasons Kampf mit dem Drachen, Holzschnitt in: Historia di Giasone et Medea, Florenz 1557. HAB: M: Lk Sammelbd 64 (39). London, Warburg Institute, Photographic Collection. //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/05/hab-hablog-aby-warburg-abb-3.jpg
Jasons Kampf mit dem Drachen, Holzschnitt in: Historia di Giasone et Medea, Florenz 1557. HAB: M: Lk Sammelbd 64 (39). London, Warburg Institute, Photographic Collection.

Immerhin konnte er nach Heinemanns Vorführung der Zimelien doch noch die Prachthandschrift der Opera des Bartholomaeus Fontius, eine der sogenannten Wolfenbütteler Corvinen, einsehen. Doch aus ihr erfährt Warburg nicht mehr, als er aus der nach ihr gedruckten Fassung schon kannte – und auch „das Portrait von Fontio verrät nicht viel“.

Bartholomaeus Fontius: Opera, Florenz 1488, Bl. I r. HAB: Cod. Guelf. 43 Aug 2°. //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/05/hab-hablog-aby-warburg-abb-4.jpg
Bartholomaeus Fontius: Opera, Florenz 1488, Bl. I r. HAB: Cod. Guelf. 43 Aug 2°.

Umso erfreulicher sollte der folgende Tag werden, als ihm ein Sammelband mit 91 seltenen Florentiner Drucken von zumeist kirchlichen Schauspielen des 16. Jahrhunderts vorgelegt wird. Warburg ist auf den Band vermutlich durch eine Publikation von Heinemanns Sekretär Gustav Milchsack (1850–1919) aufmerksam geworden, die ein Verzeichnis der enthaltenen Stücke bietet. Von diesen sollte vor allem die 1557 gedruckte Historia di Giasone et Medea mit ihren fünf Holzschnitten Warburg auch nach seiner Rückkehr nach Hamburg beschäftigen.

Um den Text und seine Bilder nochmals eingehend studieren zu können, ersucht er Heinemann später mindestens einmal – freilich vergeblich – um eine Fernleihe des Bandes. Im September 1904, nur drei Monate nach Heinemanns Tod, wendet er sich in einem Brief an dessen designierten Nachfolger Milchsack mit der Bitte um fotografische Aufnahmen der Holzschnitte. Allerdings, so Warburg, würde er es „vorziehen, den Sammelband hier noch einmal studieren zu können bzw. die Photographien hier aufnehmen zu lassen; ich wage aber nicht, diese Bitte zu wiederholen, da mir vom verst[orbenen] Oberbibliothekar vor Kurzem ein abschlägiger Bescheid zu Theil wurde, obgleich ich den Sammelband <natürlich nur> in den Räumen der hiesigen [Hamburger Stadt-]Bibliothek benutzen wollte.“ Milchsacks umgehend verfasster Antwortbrief war begleitet von seinem Nachruf auf Heinemann. Die nicht durchgängig schmeichelhafte Charakterisierung des Verstorbenen, die er darin lesen konnte, mag Warburg eine gewisse Genugtuung bereitet haben: „Wer an die Pforten der Bibliothek allzu ungestüm pochte in der Meinung, daß Bücher und Beamte nur darauf gewartet hätten, von ihm für seine, natürlich höchst bedeutenden Forschungen in Anspruch genommen zu werden, der sah sich leicht, zu seiner Ueberraschung, einem Oberbibliothekar mit kühler Amtsmiene und zugeknöpftem Rock gegenüber, und daß er hinterher seinen Aerger über nicht erfüllte Wünsche und Ansprüche in tadelnden Ausdrücken Luft machte, war menschlich und nicht unbegreiflich. (15 f.)“

Obwohl sich Milchsack demgegenüber als deutlich liberaler erweisen sollte, waren ihm doch Grenzen gesetzt. So musste er Warburg mitteilen, dass eine Fernleihe des begehrten Bandes grundsätzlich möglich sei, in diesem Fall aber die Genehmigung des Herzoglichen Staatsministerium einzuholen sei, mithin ein entsprechendes Gesuch gestellt werden müsste. Daraufhin teilte Warburg Milchsack mit, dass er sich mit den Fotos zufriedengeben werde, ein Gesuch aber vorerst nicht stellen möchte. Die Aufnahmen trafen am 22. Oktober in Hamburg ein. Doch eine bloße Bildbetrachtung ohne Berücksichtigung der Textzeugnisse entsprach nicht Warburgs wissenschaftlichem Ethos. Im Februar 1906 erbittet Warburg daher eine Abschrift von Giasone et Medea, die ihm zwei Monate später für eine Gebühr von 30 Reichsmark übersandt wird.

In den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten wird Warburg immer wieder Bilder aus Handschriften und Drucken der Wolfenbütteler Bibliothek reproduzieren lassen. Etliche dieser fotografischen Aufnahmen sind heute noch vorhanden oder zumindest nachweisbar. Warburg setzte in seiner Forschung konsequent auf die neuen Möglichkeiten zur technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken – unabhängig davon, ob er diese Bilder für eigene Publikationen benötigte. Es ist nicht gänzlich auszuschließen, dass der Aufbau des dank einer Flut von Fotoaufträgen an Museen, Bibliotheken und Archive stetig wachsenden Bildarchivs der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Hamburg auch motiviert war von den Erfahrungen, die Warburg mit schwierigen Sammlungsleitern – neben Heinemann wäre auch an Guido Biagi, den Direktor der Biblioteca Laurenziana in Florenz zu denken – gemacht hatte. Die zunehmend intensive Nutzung der Fotografie als „Bilderfahrzeug“ zweiter Ordnung erlaubte es jedenfalls, dass Warburg seine Bibliotheksreisen einschränken konnte. Nach Wolfenbüttel kam er nicht mehr.


Ich danke Björn Biester, Christian Heitzmann und Eckart Marchand für wertvolle Hinweise und Hilfestellungen. Die von Michael Diers besorgte Auswahlausgabe der Warburg-Briefe wird voraussichtlich 2021 als Band V  der Studienausgabe erscheinen.


Abbildung: Aby Warburg, Fotografie, 1912 (Quelle: Wikipedia).

 

#HABewegt

„Nicht nur für den Beruf begeistert“ || HABlog – HAB

25.05.2021

Am Vormittag des 22. April 2021 herrschte an der Herzog August Bibliothek eine ungewöhnliche Atmosphäre. Einige Mitarbeiter*innen bewegten sich mit Tablets oder Smartphones, das Gerät direkt vor sich haltend und laut sprechend durch die Arbeitsräume, andere saßen vor farbenfrohen PowerPoint Präsentationen in ihren Büros. Hin und wieder ertönten aus den Geräten neugierige Kinderstimmen: „Warum lagerte Herzog August seine Bücher über dem Marstall?“, „Was passierte mit Frau und Kind von Gotthold Ephraim Lessing?“, „Wurde der Leibniz Keks nach Gottfried Wilhelm Leibniz benannt?“ – keine Frage blieb unbeantwortet.

Nachdem die Zukunftstage im Jahr 2020 gänzlich ausfallen mussten, fanden sie im Jahr 2021 überwiegend digital statt. 2.823 digitale Angebote für 89.454 Schüler*innen der Klassen fünf bis zehn gab es bundesweit. Darunter auch die Angebote der HAB. Nach einer gemeinsamen Begrüßung der 12 Mädchen und 9 Jungen durch den Direktor, Prof. Dr. Peter Burschel, gab Dr. Volker Bauer einen Einblick in die Geschichte und Gegenwart der Bibliothek. Anschließend beantworteten die Mitarbeiter*innen allgemeine Fragen, bevor es nach einer kurzen Pause in Kleingruppen weiterging. Die Mädchen bekamen dabei Einblicke in die von Männern dominierten Bereiche der HAB, wie zum Beispiel die EDV, die digitalen Geisteswissenschaften und die Forschung. Die Jungen wurden unter anderem in der Restaurierwerkstatt, der Abteilung für Veröffentlichungen und der Stabstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit aktiv.

Die größte Herausforderung für die Mitarbeiter*innen war es, den Schüler*innen im digitalen Format einen lebendigen Einblick in ihre Berufe und den Alltag an einer Forschungseinrichtung und Bibliothek zu vermitteln. Kreativität war gefragt und brachte viele unterhaltsame Vermittlungsmethoden hervor. „Generell ist ein Vor-Ort Besuch in der Restaurierungswerkstatt natürlich immer besser, um auch einen guten Eindruck von den verwendeten Materialien wie Leder, Pergament, Japanpapier etc. zu vermitteln bzw. bei der kleinen praktischen Arbeit Hilfestellung leisten zu können – aber ich war positiv überrascht, dass auch ein virtueller Werkstattbesuch durchaus funktionieren kann“, sagt Marenlise Jonah Höhlscher. Die Buchrestauratorin faltete im Rahmen des Zukunftstages mit den Schülern ein Origami-Buch und ermöglichte auf diese Weise trotz der Distanz eine praktische Erfahrung. Bei einer digitalen Führung mit dem iPad konnten die Jungen die Restaurierwerkstatt als Arbeitsplatz kennenlernen.

Zwei Häuser weiter führte auch Charleen Zander aus der Abteilung für Handschriften und Sondersammlungen drei Schülerinnen mit einem Smarthone durch die Räumlichkeiten der Herzog August Bibliothek. Zuvor hatten die Mädchen bereits eine kleine Schnitzeljagd absolviert. Zwischen Aufgabe und Lösung erschlossen sie sich die Welt mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Handschriften sowie die Arbeitsweisen der Forscher*innen und Bibliothekar*innen.

Eine weitere iPad-Tour gab es auch in der Stabsstelle EDV. Hier konnten die Kinder den Serverraum besichtigen. Die Mitarbeiter*innen der Stabsstelle für Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Forschungsabteilung und der Abteilung für alte Drucke führten dagegen über PowerPoint Präsentationen und kleine Aufgabenstellungen in ihren Berufsalltag ein.

Im Bereich der Digitalen Geisteswissenschaften lernten die Schüler*innen die Wolfenbütteler Digitale Bibliothek und die Sammlungsschwerpunkte Handschriften, Drucke und Graphiken kennen. Anhand des virtuellen Kupferstichkabinetts erklärte ihnen Marcus Baumgarten den Einsatz von Such- und Datenbanktechniken, anschließend konnten sich die Mädchen in der Editionsarbeit ausprobieren, indem sie die Herausforderung annahmen, die Handschrift in einem Tagebuch des Fürsten Christian II. von Anhalt-Bernburg (1599–1656) zu entziffern. Da in dem Text viele Personen vorkamen, bot sich die Anwendung eines weiteren Tools an: DLINA (Personennetzwerk deutschsprachiger Dramen). Die kleine Gruppe widmete sich besonders dem Harry Potter-Netzwerk und untersuchte, wie sich dieses von Band zu Band veränderte, um anschließend ein Fazit für die Handlung daraus ziehen zu können. Zum Schluss erstellte die Gruppe ihr eigenes Netzwerk.

Währenddessen machten die beiden Teilnehmer im Bereich der Veröffentlichungen ihre Motivation gleich deutlich. Sie haben sich gezielt für die Abteilung entschieden, da sie gern Geschichten schreiben und die Arbeit des Journalisten für sich anvisieren. „Die Jungen interessierten sich vor allem für den Weg zur Veröffentlichung eines Buches und fragten, wie das Buch in den Laden kommt. Beide machten sich sogar unermüdlich Notizen, weswegen wir unser Tempo drosselten, damit auch keine Information unnotiert blieb. Trotz der technischen Distanz, die mit dem Online-Meeting einherging, kam Spaß im Gespräch auf. Dadurch war es umso weniger bemerkbar, dass wir uns nur über den Bildschirm kennenlernen konnten“, berichten Jürgen May und Bianca Verhoef, die die Kleingruppe leiteten. Zum Schluss konnten sich die Schüler sogar das Design des eigenen Buches ausmalen. Vielleicht findet sich ja eines davon in einigen Jahren in den Regalen der Herzog August Bibliothek wieder.

 

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