Wege der Ameise || HABlog – HAB

14.04.2021

 

Zu Beginn des Jahres tätigte die Herzog August Bibliothek einen besonders spannenden Ankauf: Das Künstlerbuch Wege der Ameise (2020) von Kai Pfankuch ist auf mehreren Ebenen bemerkenswert. Zum einen handelt es sich um ein Unikatbuch - 120 Seiten handgeschriebene Texte auf halbtransparentem Chinapapier, begleitet von 52 Originalzeichnungen in japanischer Reibetusche und Aquarell. Der Hofheimer Künstler hat fast zwei Jahre daran gearbeitet. Zum anderen geht es inhaltlich über die kreative Verbindung von Kunst und Wissenschaft oder Text und Bild weit hinaus.

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Wege der Ameise ist eine reflektierende Analyse der Gesellschaft mit ihren sozialen Ordnungen, von der Antike bis hin zu einer Zukunftsvision. Angeregt durch Niels Werbers Buch Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte (2013), das sich mit Ameisen als Metaphern zur Selbstbeschreibung von Gesellschaft in literarischen Texten beschäftigt, versammelt Kai Pfankuch Textauszüge von Plinius d. Ä., Ovid, Apuleius, Brant, Perrière, Lessing, Lichtenberg, Schopenhauer, Baudelaire, Laßwitz, Wells, Simmel, Jünger, Huxley, Vian und Hölldobler, die er Wort für Wort mit der Zeichenfeder abschreibt. Allen Texten gemeinsam ist der Topos der Ameisen und die Frage, inwieweit deren Form des Zusammenlebens auch ein Modell des Menschen und seiner sozialen Organisation sein könnte.

In einzelnen Buchlagen entstehen leitbegrifflich ausgerichtete Themenblöcke: Mythos, Traum (Antike); Moral (Spätmittelalter, beginnende Neuzeit); Vernunft, Staat, Revolte (Zeit der Aufklärung); Großstadtmenge, Gewimmel (Stadtentwicklung Mitte 19. Jahrhundert); Satire, Horrorgeschichte (ausgehendes 19. Jahrhundert); Persönlichkeit und Masse, Abstraktheit des Lebens (Stadtentwicklung ausgehendes 19. und frühes 20. Jahrhundert); Totalitarismus, Uniformität, Krieg, Mensch-Maschine (Dystopie), Organisation (Schwarm). Die „Ameisentexte“ werden durchgängig begleitet von zwei Kapiteln aus der Science Fiction-Erzählung Der Unbesiegbare von Stanisław Lem (1964), die von einem Schwarm selbststeuernder elektronischer Teilchen als Endstufe einer ‚toten‘ Evolution von Maschinen handelt. Szenische Umsetzungen, Zeichnungen in Tusche und Aquarell, verbinden die literarischen Vorlagen miteinander. Die bildlichen Interpretationen, deren Farbskala von bedrohlich wirkendem Rot und kühlem Blau dominiert wird, zeigen Körperfiguren sowie Architekturdarstellungen und spielen assoziativ die unterschiedlichen zeitgeschichtlichen Aspekte der Gesellschaftsordnung durch. Die utopischen Illustrationen der modernen kapitalistischen Massengesellschaft rufen Konnotationen von Technisierung, Automatisierung und Entfremdung hervor. Doch dieser Eindruck wird durch die feine, persönliche Handschrift des Künstlers immer wieder relativiert.

Neben dem Aspekt der Zeitlichkeit, der Rückwärts- und Vorwärtsgewandtheit von der Antike bis in die Zukunft, variiert Pfankuch auch die verschiedenen Dimensionen, indem er das zentrale Objekt, die Ameise, in schwarz-weiß gehaltenen Darstellungen vergrößert und das Insekt naturwissenschaftlich analysiert.

In ihrer Komplexität detailliert erfasst, durchwandern die regen Tiere, die immer in Bewegung scheinen, in ruhiger Ordnung die Texte. Taktung, Konformität und Struktur des Zusammenlebens der Ameisen zeigen den Kern, aber auch den Wandel sozialer Systeme. Mit Wege der Ameise schafft Kai Pfankuch eine Verbindung literarischer Inhalte und künstlerischer Ideen mit philosophisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnissen als Echo in Vergangenheit und Zukunft. Eine Gesellschaftsgeschichte im Künstlerbuch.


Über den Künstler:

Kai Pfankuch ist Maler, Zeichner und Buchkünstler. Seine Arbeiten entstehen ausschließlich auf Papier: großformatige (auch mehrteilige) Aquarelle, aquarellierte Zeichnungen mit Pinsel und Tusche, Lithographien, Siebdrucke und Radierungen. Seit 1994 stellt er Künstlerbücher her, die er im Eigenverlag der Ikarus-Presse herausgibt. In der Sammlung der Herzog August Bibliothek ist Pfankuch mit zehn Arbeiten vertreten. Für das Künstlerbuch Wege der Ameise hat er die literarischen Textvorlagen während eines Forschungsaufenthalts an der Herzog August Bibliothek recherchiert.


Der überführte Bücherdieb || HAB

25.03.2021

Der protestantische Theologe, Philologe und Historiker Flacius Illyricus war zweifellos eine der markantesten Gestalten der Reformationszeit. Der 1520 im kroatischen Labin geborene Flacius hatte nach einem altsprachlichen Studium bereits 1544 eine außerordentliche Professur für Hebräisch in Wittenberg erhalten. In den Auseinandersetzungen um die rechte protestantische Lehre, die nach Luthers Tod ausbrachen, vertrat der Gelehrte im Gegensatz zu seinem akademischen Lehrer Philipp Melanchthon häufig extreme Positionen, die er mit unnachgiebiger Härte verteidigte. Daher musste er 1549 Wittenberg verlassen und verlor 1561 auch seinen zweiten Lehrstuhl in Jena. Mit dem Großteil der protestantischen Führungselite zerstritten, verbrachte Flacius den Rest seines Lebens in verschiedenen Städten, darunter Magdeburg und Frankfurt am Main, wo er im März 1575 starb.

Während seine zahlreichen Streitschriften und Werke zur Bibelauslegung allenfalls von historischem Interesse sind, ist seine Bedeutung als Begründer der protestantischen Kirchengeschichte nach wie vor unumstritten. Flacius versuchte zu beweisen, dass die von den römischen Päpsten beherrschte Kirche seit dem Urchristentum in einem unaufhörlichen Niedergang begriffen war, den erst die lutherische Reformation beendet hatte. Deshalb durchsuchte er mit Hilfe eines europaweit tätigen Gelehrtennetzwerkes die Klosterbibliotheken nach passenden Texten, die er in seinem Catalogus testium veritatis (Katalog der Wahrheitszeugen) bekannt machte und für das große Geschichtswerk der Magdeburger Centurien (1559–1574) verwenden ließ. Dabei eilte ihm sein zweifelhafter Ruf als unversöhnlicher Theologe voraus, der auch sein Ansehen als Quellensammler deutlich schmälerte.

Bereits Zeitgenossen war Flacius als Bücherdieb und Bücherfledderer verdächtig, der mit einer Mönchskutte verkleidet in die Klosterbibliotheken geschlichen sei und dort ganze Handschriften entwendet oder mit einem versteckten Messer die ihn interessierenden Teile heimlich herausgeschnitten habe. Diese auch von Herzog Julius kolportierte Geschichte wird in der Forschung kontrovers diskutiert.

Allerdings wurde bisher der methodisch nächstliegende Weg nicht beschritten – nämlich zu prüfen, ob sich unter den fast 1.000 Bänden, Handschriften und Drucken, die 1597 aus dem Flacius-Nachlass in die Wolfenbütteler Hofbibliothek kamen, herausgetrennte oder fragmentarische Stücke befinden. Diese Möglichkeit eröffnen jetzt zwei an der HAB angesiedelte und von der DFG geförderte Projekte: Die seit 2001 laufende Neukatalogisierung der mittelalterlichen Helmstedter Handschriften und die 2020 begonnene Digitalisierung der Codices aus dem Besitz von Flacius.

Bislang sind fast zwei Drittel der flacianischen Handschriften gemäß den Katalogisierungsrichtlinien der DFG neu erschlossen worden – mit einem eindeutigen Ergebnis: Mehrere Bände haben sich als nachträgliche, von Flacius selbst angelegte Synthesen von nicht zusammenpassenden Fragmenten erwiesen, darunter Cod. Guelf. 367 Helmst. mit insgesamt neun Teilen, die aus Nord- und Süddeutschland, Norditalien, Böhmen und Frankreich stammen. Im Nürnberger Schottenkloster St. Ägidien erwarb Flacius 1554 mit Cod. Guelf. 277 Helmst. und 279 Helmst. zwei vollständige Handschriften. Erst jetzt stellte sich heraus, dass er dort aus einem weiteren Codex die Blätter 132–174 herausgetrennt und ebenfalls an sich genommen hatte (Cod. Guelf. 299.1 Helmst., Abb. 1); wo sich die Reste dieses Buches heute befinden, ist unbekannt.

Theodorus de Lellis: Replica contra Gregorium Heimburg. Textbeginn mit der originalen Foliierung aus dem Nürnberger Schottenkloster (139) und der aktuellen Blattzählung (Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 299.1 Helmst., fol. 10r, 1460–1475) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/03/hab-hablog-lesser-buecherdieb-abb-1-theodorus-de-lellis-ausschnitt-3.jpg
Theodorus de Lellis: Replica contra Gregorium Heimburg. Textbeginn mit der originalen Foliierung aus dem Nürnberger Schottenkloster (139) und der aktuellen Blattzählung (Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 299.1 Helmst., fol. 10r, 1460–1475)

In welchem Ausmaß Flacius solche Ausschnitte gesammelt hat, zeigt anschaulich der 1613/14 von Liborius Otho angefertigte Katalog der Wolfenbütteler Hofbibliothek. Darin verzeichnete Otho mehr als 50 Fragmente kirchengeschichtlichen Inhalts, die mit Sicherheit von Flacius stammen. Viele dieser Stücke, zum Beispiel die als Z 81 gekennzeichnete schottische Chronik (Abb. 2), sind jedoch in der HAB nicht mehr auffindbar.

Liborius Otho, Gesamtkatalog der Wolfenbütteler Hofbibliothek, Signaturgruppe PAPALIA MISCELLANEA mit dem Eintrag "Chronicon Galliae et Scoticum … in membranis manuscriptum" unter Nr. Z 81 (Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. A Extrav., p. 303, 1613/1614) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/03/hab-hablog-lesser-buecherdieb-abb-2-liborius-otho-ausschnitt-2.jpg
Liborius Otho, Gesamtkatalog der Wolfenbütteler Hofbibliothek, Signaturgruppe PAPALIA MISCELLANEA mit dem Eintrag "Chronicon Galliae et Scoticum … in membranis manuscriptum" unter Nr. Z 81 (Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. A Extrav., p. 303, 1613/1614)

Recherchen haben ergeben, dass sie mit dem Nachlass des Helmstedter Gelehrten Hermann von der Hardt 1786 in die Markgräflich Badische Hofbibliothek nach Karlsruhe gelangten. Dazu gehört auch die von Otho genannte Chronicle of Holyrood (Karlsruhe, BLB, Cod. K 345), die der Historiker Marcus Wagner 1553 im Auftrag von Flacius in der schottischen Zisterzienserabtei Coupar Angus an sich gebracht hatte – ob mit oder ohne Einverständnis des Vorbesitzers, ist unbekannt.

Die detektivische Kleinarbeit des Erschließungsprojekts hat zahlreiche Beweise erbracht, die Flacius eindeutig als Bücherdieb überführen; dass die Spuren seiner unrühmlichen Tätigkeit in Wolfenbüttel und in Karlsruhe zu finden sind, ist ein weiteres Ergebnis. Schließlich hat sich gezeigt, dass Flacius oder seine Beauftragten auch als ganz offizielle Bibliotheksbenutzer nicht immer legale Wege beschritten haben: Der in Wien aufbewahrte Leihschein für die Handschrift Cod. Guelf 313 Helmst. aus dem Benediktinerkloster Melk in Österreich ist auf den 7. September 1552 datiert und damit längst abgelaufen…

 

#HABewegt


© Abbildung: Bildnis des Matthias Flacius Illyricus. Holzschnitt von Tobias Stimmer und Christoph Murer, nach 1719. Germanisches Nationalmuseum,  Nürnberg. Die Inschrift lautet:

Matthaeus Falicus Illyricus Theol.
cultellus Flacii, Bibliothecis
suspectus ut est Wagenseilii

Ein Sclav geborn von Albon.
viel stritt in Sachen Religion
zuwider Interim, und willensfrey
Erbsünd gefällt mir, waß wesentlich sey

stirbt: 1575

Bücher als Zeugen || HABlog – HAB

14.03.2021

Es war eine internationale Zusammenkunft mit dem sperrigen Titel „Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust“, die im Dezember 1998 nach Jahren von Schweigen und stiller Geschäftigkeit den Startpunkt einer intensivierten Suche nach bislang noch unentdecktem NS-Raubgut in Kultureinrichtungen auf der ganzen Welt markierte. In ihrem als „Washingtoner Erklärung“ bekannt gewordenen Abschlusspapier appellierten Vertreter*innen von mehr als 50 Staaten und Nichtregierungsorganisationen an die Verantwortlichen in staatlichen Verwaltungen wie auch in Museen, Archiven und Bibliotheken, ihre Sammlungen und Dokumentenbestände auf etwaige NS-Raubgut-Sachverhalte zu durchleuchten. Wo immer möglich, sollte vonseiten der Institutionen ein fairer und gerechter Ausgleich mit den ursprünglichen Eigentümer*innen oder ihren Nachfahr*innen gesucht werden.

Dieser Anstoß wurde in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit mit großem Engagement aufgenommen. In Anerkennung der besonderen historischen und moralischen Verantwortung von Sammlungsinstitutionen in Deutschland formulierten Bundesregierung, Länder und kommunale Spitzenverbände eine bindende Selbstverpflichtung. Die „Gemeinsame Erklärung zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes“ (1999) konstituiert ein konkretes Bekenntnis, die Erforschung der Herkunft von Sammlungen zu fördern, NS-Raubgut in den eigenen Beständen aufzufinden und dieses zu restituieren. Dieser Aufgabe stellt sich nun auch die HAB.

In der Praxis einer Sammlungseinrichtung bedeutet das intensive Recherchearbeit: Berge von Akten und Korrespondenzen, Zugangsverzeichnisse und nicht zuletzt die Objekte selbst müssen gesichtet und ausgewertet werden. Denn oft geben erst sie selbst wertvolle Informationen über ihre Herkunft und ihr Schicksal während der NS-Zeit preis. Im Fokus der Forschungsaufgabe, der sich die HAB im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts verschrieben hat, stehen die hinsichtlich ihrer jüngeren Provenienzen noch kaum untersuchten antiquarischen Erwerbungen seit den 1960er-Jahren. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist hierbei inzwischen eine lange Besitzhistorie zu überbrücken. Ketten von fünf und mehr Vorbesitzer*innen allein im 20. Jahrhundert sind keine Seltenheit.

Auf die Betroffenen des NS-Kulturgutraubs verweisen in vielen Fällen nur noch kleine Hinweise in den einzelnen Bänden. Diese aufzufinden und mit historischen Personen oder Institutionen in Verbindung zu bringen, ist oft ein Akt von Kombination und Kriminalistik (so der Titel eines Forschungsbeitrags zum Thema von Ragnhild Rabius aus dem Jahr 2004). Denn durch geduldige Erfassungsarbeit und detektivischen Spürsinn können selbst gewaltsam zum Schweigen gebrachte Bücher noch zu Zeugen ihrer Geschichte werden. So etwa im Fall eines Bandes aus der ehemaligen Landesbibliothek Posen, in deren Besitzstempel der belastende Ortsname mit Flüssigkeit und einem scharfen Gegenstand unleserlich gemacht worden war.

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Zerstörter Stempel der ehemaligen Landesbibliothek Posen (in HAB: Xb 7235) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/03/hab-hablog-rueth-buecher-als-zeugen-stempel.jpg
Zerstörter Stempel der ehemaligen Landesbibliothek Posen (in HAB: Xb 7235)

Ihn konnte das Projektteam durch den Abgleich mit zahllosen Stempelproben vergleichbarer Institutionen identifizieren und so den Band zum Sprechen bringen. Noch keine Hinweise gibt es dagegen zu den Eigentümer*innen eines zerstörten Exlibris in einem Band aus dem Jahr 1607 (s. Titelbild).

Licht in diese und ähnliche Zusammenhänge zu bringen, hat sich die HAB für die kommenden zwei Jahre vorgenommen. Ca. 30.000 Bände, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und besonders ab den 1990er-Jahren teils einzeln, teils im Rahmen geschlossener Sammlungen erworben wurden, sollen systematisch erfasst und auf ihre Herkunft und ihren Verbleib während der NS-Zeit hin untersucht werden. Am Ende erhoffen sich die Projektverantwortlichen ein klareres Bild über den antiquarisch erworbenen Bestand der HAB und wertvolle neue Daten für die Provenienzforschung. Identifizierte Fälle von NS-Raubgut sollen öffentlich gemacht und im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten an die ursprünglichen Anspruchsberechtigten restituiert werden.

 

#HABewegt

 


Das zweijährige Projekt NS-Raubgut unter den antiquarischen Erwerbungen der Herzog August Bibliothek seit 1969 wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert. Die Rechercheergebnisse werden im Rahmen des lokalen Bibliothekskatalogs bzw. des Verbundkatalogs sowie – bei erhärtetem NS-Raubgut-Verdacht – in der Objektdatenbank Lost Art und der Forschungsdatenbank Proveana des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste dokumentiert.

Zum Schatz erwählt || HABlog – HAB

03.02.2021

Das Projekt „Weltwissen. Das kosmopolitische Sammlungsinteresse des frühneuzeitlichen Adels" beschäftigt sich mit den fürstlichen Privatsammlungen des 18. Jahrhunderts. Es werden insbesondere Sammelpraktiken sowie das damit einhergehende kulturelle und wissenschaftliche Interesse des fürstlichen Adels in den Blick genommen. Die sogenannten Fürstenbibliotheken kamen nach dem Tod ihrer Besitzer*innen in die Wolfenbütteler Bibliothek, wo sie zunächst als individuelle Sammlungen aufgestellt, später dann aber in den Gesamtbestand integriert wurden. Heute ist die Mehrzahl dieser Bücher Teil der Mittleren Aufstellung der HAB und die historischen Sammlungen sind nicht mehr als solche erkennbar.

Auf Basis bisher unerschlossener Kataloge und Inventare können wir die fürstlichen Privatbibliotheken mit großer Genauigkeit virtuell rekonstruieren und mit Hilfe des Programms LibReTo visualisieren. Ergänzend dazu suchen wir die Originalexemplare im heutigen Bestand der Herzog August Bibliothek, um weitere Provenienzen zu ermitteln und das Bild zu komplettieren. Dabei helfen uns typische äußere Merkmale der Bücher, wie etwa Einbandgestaltung oder die Präsenz von Supralibros, einem Monogramm, das auf ein Buch geprägt wurde und damit den Besitz kennzeichnete.

Supralibros der Herzogin Philippine Charlotte //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/02/hab-hablog-zum-schatz-erwaehlt-supralibros-herzogin-philippine-charlotte-1.jpg
Supralibros der Herzogin Philippine Charlotte

Zusätzlich werden die einzelnen Bücher auf Gebrauchsspuren wie etwa Notizen oder Unterstreichungen untersucht. Die so gewonnenen Erkenntnisse werden mit Hilfe von weiteren Quellen aus den fürstlichen Nachlässen in einen größeren Kontext gesetzt, um schließlich ein genaues Bild der Inhalte der Bibliotheken und der Benutzung der Bücher zu erhalten.

In einem nächsten Schritt können wir die Funktion der Sammlungen für ihre Besitzer*innen untersuchen. Im ersten Jahr des Projekts standen dabei die Bibliotheken von Elisabeth Sophie Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel (1683–1767) und Philippine Charlotte von Braunschweig-Wolfenbüttel (1716–1801) im Fokus. Beide Frauen besaßen umfassende Sammlungen von jeweils mehreren tausend Büchern, die sie bis an ihr Lebensende pflegten und nutzten.

Für die Frauen stand einerseits die persönliche Weiterbildung im Vordergrund, wie durch Briefe, Selbstzeugnisse und handschriftliche Einträge in den Büchern nachvollzogen werden kann. So schrieb Philippine Charlotte etwa an ihren Bruder Friedrich den Großen, dass sie jede Gelegenheit nutze, um sich weiterzubilden und dass ihre Bücher ihr dabei halfen, „ihren Geist nicht einrosten zu lassen“ („je cherche tous les moyens pour m’instruire, c’est l’unique ressource à mon age pour empecher de s’enrouiller l’esprit“).

Sie eigneten sich mit Hilfe ihrer Bücher Wissen an, das ihnen eine Teilhabe am zeitgenössischen kulturellen und wissenschaftlichen Diskurs ermöglichte. Außerdem waren ihre Bibliotheken soziale Räume. Nicht selten empfingen sie hier Gäste, denen sie ihre Sammlungen zeigten und mit denen sie über die neueste Lektüre diskutierten. Besonders die berühmte Bibelsammlung Elisabeth Sophie Maries lockte mit ihren 1200 Exemplaren viele Besucher*innen, darunter namhafte Gelehrte wie etwa Johann Christoph Gottsched oder Johann David Köhler, an. Davon zeugen die über 250 Einträge im Stammbuch der Herzogin, in dem die Gäste sich verewigen durften.

Stammbuch der Herzogin Elisabeth Sophie Marie //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/02/hab-hablog-zum-schatz-erwaehlt-stammbuch-herzogin-elisabeth-sophie-marie.jpg
Stammbuch der Herzogin Elisabeth Sophie Marie

Wenngleich die Sammlung Ausdruck der tiefen Frömmigkeit der Fürstin war, war sie auch ein wesentlicher Beitrag zur Bibelgelehrsamkeit dieser Zeit – ein Aspekt, den es in den kommenden Jahren weiter zu erforschen gilt.

Es blieb aber nicht nur beim Empfangen von Gästen. Die Fürstinnen gestatteten Gelehrten den Gebrauch ihrer Bücher und unterstützen sie finanziell, erhielten im Gegenzug Widmungen und das damit einhergehende soziale Prestige. Elisabeth Sophie Marie förderte etwa über Jahrzehnte hinweg den berühmten Theologen Johann Lorenz von Mosheim, Philippine Charlotte unterstützte mehrere am Braunschweiger Collegium Carolinum tätige Gelehrte. Die Bibliotheken waren damit auch zentral für das kultur- und wissenspolitische Engagement der Fürstinnen.

Schließlich können wir beobachten, wie die Bibliotheken eine wirtschaftliche Funktion erfüllten. Nicht nur akkumulierten die Fürstinnen mit ihren Sammlungen soziales Kapital, sondern auch reale monetäre Werte, die es zu verwalten und zu vermehren galt. Allein schon die hohen Summen, die die Fürstinnen für ihre Bibliotheken ausgaben, zeugen von dem hohen Stellenwert, den die Bücher in ihrem Leben einnahmen. Aus gutem Grund bezeichnete Elisabeth Sophie Marie ihre Sammlung als „Schatz“.

Das Sammeln von Büchern war demnach mehr als nur eine Nebenbeschäftigung. Für die Wolfenbütteler Fürstinnen und Fürsten waren die Bibliotheken ein integraler Teil ihres Alltags: Sie dienten der Herrschaft, waren Orte der Repräsentation, aber eben auch der privaten Weiterbildung und des Vergnügens. In den kommenden Jahren gilt es, eben diese Vielschichtigkeit weiter zu untersuchen, um damit das Sammeln als elementare kulturelle Praxis der Frühen Neuzeit noch besser zu verstehen.

 

#HABewegt #HAB und Gut

 


Das Projekt „Weltwissen. Das kosmopolitische Sammlungsinteresse des frühneuzeitlichen Adels ist eine von zwei Fallstudien, die im Rahmen des Forschungsverbunds MWW an der HAB durchgeführt werden. Beide haben das Ziel, bestandsbezogene Forschung mit Hilfe digitaler Methoden weiterzuentwickeln. Das Projekt Intellektuelle Netzwerke. Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken als Wissens- und Kommunikationsräume möchten wir Ihnen in einem unserer nächsten Beiträge vorstellen.

Aus weiblichen Händen || HABlog – HAB

Das von der Polonsky Foundation geförderte Projekt hat zum Ziel, die Sammlungen mittelalterlicher lateinischer und deutscher Handschriften aus hauptsächlich norddeutschen Kloster- und Stiftsbibliotheken für die Forschung und Nachnutzung bereitzustellen. Seit Projektbeginn im Dezember 2018 wurden an der HAB bereits 205 Handschriften digitalisiert und können auf der Homepage des Projekts angesehen werden.

Die Tatsache, dass es sich unter all den hauptsächlich von Männerhand geschriebenen Handschriften in diesem Fall um Bücher von Schreiberinnen handelt, ist lediglich einer von vielen Aspekten, die die Lamspringer Sammlung mit ihren 23 Bänden so außergewöhnlich machen. Zu bieten haben diese mittelalterlichen Werke darüber hinaus eindrucksvollen Buchschmuck, womit sie aus kunsthistorischer Sicht eine überaus reizvolle Gruppe illuminierter Handschriften bilden. Für das Digitalisierungsprojekt wurden 16 Kodizes ausgewählt, die dieser Beitrag in Bezug auf ausgesuchte Merkmale etwas genauer unter die Lupe nimmt. Zwölf davon sind augenblicklich bereits online zu erkunden.

Um 850 von Graf Ricdag und dessen Frau Emhild ursprünglich als Kanonissenstift – ein eher weltliches und damit freieres Modell des Zusammenlebens – im Süden der Diözese Hildesheim gegründet, unterstand das um 1130 zur Benediktinerinnenabtei umgewandelte Kloster nicht nur der geistlichen, sondern auch der wirtschaftlichen und politischen Obhut der Hildesheimer Bischöfe. Es galt im 14. Jahrhundert als eines der wohlhabendsten und bestausgestattetsten Klöster im niedersächsischen Raum. Der Bestand von 23 Handschriften (davon 20 Bände mit theologischen Schriften und drei liturgische Werke) veranschaulicht, dass es sich bei den Schreiberinnen und Illustratorinnen um Ordensschwestern handelte, deren sprachliche und theologische Bildung der von Mönchen aus den bislang besser erforschten männlichen Orden in nichts nachstand. Außerdem wird hier einmal mehr deutlich, dass sowohl die Schreibstube (das sog. Skriptorium, von lat. scribere – schreiben) als auch die Bibliothek, die die entstandenen Werke sammelte, bereitstellte und verwahrte, die Institution Kloster stark prägten und auszeichneten.

Bis zur Entwicklung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts fungierte nicht Papier, sondern das in seiner Beschaffenheit robustere Pergament als Schriftträger. Dessen Herstellung war aufwendig und bedeutete schwere körperliche Anstrengung: Im deutschsprachigen Raum wurden vorwiegend Häute von Kälbern, in wenigen Fällen von Schafen verwendet, die zuerst in Spannrahmen fixiert, abgeschabt und schließlich gekalkt wurden, um ein Verlaufen der Tinte und Farben im Schreibprozess zu verhindern. Die passend zugeschnittenen und gefalteten Pergamentbögen wurden zu Lagen zusammengeheftet, liniert, beschrieben und später zu einem Buch zusammengebunden.

Abb. 1: Ganzseitige Miniatur eines Schreibers an seinem Pult, der seine Schreibfeder schärft, bevor er den Text auf das bereits linierte Doppelblatt kopiert (Cod. Guelf. 1030 Helmst., fol. 1v, 1151–1175) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-1-cod.-guelf.-1030-helmst.-fol.-1v.jpg
Abb. 1: Ganzseitige Miniatur eines Schreibers an seinem Pult, der seine Schreibfeder schärft, bevor er den Text auf das bereits linierte Doppelblatt kopiert (Cod. Guelf. 1030 Helmst., fol. 1v, 1151–1175)

Schreiberin, Rubrikatorin und Illustratorin, also Gestalterin der dekorativen Initialen und allen weiteren Buchschmucks, konnte ein und dieselbe Person sein. Für den Buchschmuck wie Initialen oder Miniaturen ließen die Schreiberinnen beim Übertragen der Textvorlage auf die zusammengehefteten Pergamentlagen etwas Platz, der jedoch nicht selten übersehen wurde und damit leer blieb. Neben mindestens 28 Schreiberinnen, die Kenner*innen für den Zeitraum von 1170 bis 1204 unterscheiden können, sind für das 12. Jahrhundert zwei Schreiberinnen sogar namentlich bekannt: Odelgarde und Ermengarde. Laut eines Kolophons (Schreibervermerk) gab es zudem eine dritte scriptrix (Schreiberin). Stiltechnisch lassen sich ihre Schriften in die Übergangsphase von der (späten) karolingischen zur frühen gotischen Minuskel einordnen, womit das Schriftbild insgesamt kantiger, spitzer und rechteckiger wirkt und sich der Raum zwischen den einzelnen Buchstaben innerhalb eines Wortes merklich verringert.

Mit Blick auf den Buchschmuck lässt sich festhalten, dass die Lamspringer Nonnen sorgfältig und mit einiger Liebe zu ornamentalem Detail arbeiteten. So finden sich in den Pergamentkodizes zahlreiche größere zoomorphe und figurative Initialen, die in (Fantasie-) Tierköpfe, -körper oder florale Elemente auslaufen.

Abb. 2: Zoomorphe S-Initiale zu Beginn der Moralia in Hiob von Papst Gregor dem Großen in Cod. Guelf. 443 Helmst., fol. 2r, 1176–1200 //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-2-cod.-guelf.-443-helmst.-fol.-2r-2.jpg
Abb. 2: Zoomorphe S-Initiale zu Beginn der Moralia in Hiob von Papst Gregor dem Großen in Cod. Guelf. 443 Helmst., fol. 2r, 1176–1200

Die Buchstabenschäfte und –enden der Initialen sind häufig mit Halbpalmetten verziert. Die Abstriche der Q-Initialen bestehen wiederholt aus Körpern von Drachen, die Blattranken speien und/oder deren Schwänze in eben solchen enden, wie es in Cod. Guelf. 510 Helmst., fol. 133r sowie relativ farbenfroh in Cod. Guelf. 443 Helmst., fol. 2r der Fall ist.

Abb. 3: Figurative und zoomorphe Q-Initiale mit Drachenkörper, in der der Heilige Geist acht Heiligen als Taube erscheint (Cod. Guelf. 510 Helmst., fol. 133r, 1151–1175) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-3-cod.-guelf.-510-helmst.-fol.-133r.jpg
Abb. 3: Figurative und zoomorphe Q-Initiale mit Drachenkörper, in der der Heilige Geist acht Heiligen als Taube erscheint (Cod. Guelf. 510 Helmst., fol. 133r, 1151–1175)

Rot, Grün und Blau sind die vorwiegend verwendeten Farben, wie es ebenfalls in der figürlichen Darstellung des heiligen Augustinus (354–430) zu sehen ist (Abb. 4): Ausgestattet mit Mitra und Bischofsstab auf einer Art Thron sitzend präsentiert er der Leserschaft eine aufgeschlagene Doppelseite (lat. bifolium) mit den Worten Pater noster – dem Vaterunser. Sowohl das Ornat des Kirchenvaters als auch der Vorhang, vor dem er sitzt, sind mit einem Faltenwurf ausgestaltet, letzterer ist sogar zudem mit einem roten Dreipunktmuster versehen.

Abb. 4: Augustinus thront in der Q-Initiale mit dem aufgeschlagenen lateinischen Vaterunser (Cod. Guelf. 204 Helmst., fol. 3v, 1176–1200) Fotografie von Dr. Stefanie Westphal //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-4-cod.-guelf.-204-helmst.-fol.-3v.jpg
Abb. 4: Augustinus thront in der Q-Initiale mit dem aufgeschlagenen lateinischen Vaterunser (Cod. Guelf. 204 Helmst., fol. 3v, 1176–1200) Fotografie von Dr. Stefanie Westphal

Daran erinnert die Darstellung Papst Gregors (540–604) im Bogen der P-Initiale (Abb. 5), die der des Augustinus stilistisch und farblich sehr ähnelt und womöglich von derselben Illustratorin ausgestaltet wurde. Auch der Text könnte dem Schriftbild nach zu urteilen von derselben Schreiberin stammen, wie wir sie in 204 Helmst. vor Augen haben.

Abb. 5: Der Heilige Geist inspiriert Papst Gregor I. in Gestalt einer Taube (903 Helmst., fol. 75v, Beginn 4. Viertel 12. Jh.) Fotografie von Dr. Stefanie Westphal //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-5-cod.-guelf.-903-helmst.-fol.-75v.jpg
Abb. 5: Der Heilige Geist inspiriert Papst Gregor I. in Gestalt einer Taube (903 Helmst., fol. 75v, Beginn 4. Viertel 12. Jh.) Fotografie von Dr. Stefanie Westphal

Es ist festzuhalten, dass das hochmittelalterliche Benediktinerinnenkloster in Lamspringe über ein ausgesprochen kreatives Skriptorium verfügte. Im Zuge der Reformation wurden die Klöster und deren Bibliotheken aufgelöst, und oft bleibt ungewiss, welchen Weg die Bücher einschlugen. Im Fall des Lamspringer Handschriftencorpus sorgte Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg im Jahr 1572 dafür, dass die 23 Handschriften Teil seiner Sammlung in der Wolfenbütteler Residenz wurden. Damit sind sie uns noch heute erhalten, um sie weiter zu erforschen.

 

#HABewegt  #HAB und Gut

 


Wenn Sie mehr zum Thema erfahren möchten:

Die Buchmalerei der Lamspringer Nonnen wird derzeit in einem Katalogisierungsprojekt zu den illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek von Dr. Stefanie Westphal erschlossen.

Weiterführende Literatur:

  • Helmar Härtel (Hrsg.), Geschrieben und gemalt. Gelehrte Bücher aus Frauenhand: Eine Klosterbibliothek sächsischer Benediktinerinnen des 12. Jahrhunderts (Wolfenbütteler Ausstellungskatalog 86), Wolfenbüttel 2006.
  • —, „Gelehrte Bräute Christi. Zur Umstrukturierung der Frauenklöster im Hochmittelalter: Ein neues Ideal geistig-geistlichen Lebens,“ in: Die gelehrten Bräute Christi. Geistesleben und Bücher der Nonnen im Mittelalter, hrsg. von Helwig Schmidt-Glintzer (Wolfenbütteler Hefte 22), Wiesbaden 2008, 7–13.

 

Weitere Blogbeiträge zum Projekt „Handschriften aus dem deutschen Sprachraum“ sowie zur Erstellung mittelalterlicher Handschriften:


Das Curriculum an einer frühneuzeitlichen Universität || HABlog – HAB

Der Segen der Rechenschaft

Für die Academia Julia (1576‒1810) in Helmstedt, die Landesuniversität des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg, sind uns Rechenschaftsberichte von Professoren in vielfacher Form und sehr großer Dichte für einen Zeitraum von nicht weniger als 100 Jahren (ca. 1650 ‒ ca.1750) in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und im Niedersächsischen Landesarchiv Wolfenbüttel überliefert. Diese handschriftlichen und lateinischsprachigen Zettel, auch ‚Monatszettel‘ genannt, bilden heute so wertvolle Quellen, weil sie sich mitunter umfassend in Serie, d.h. von Woche zu Woche, Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr, ja sogar von Dekade zu Dekade, relativ geschlossen auswerten lassen.

Dabei wurde ein eigentlich offensichtlicher Quellenwert bislang nur wenig beachtet: die Möglichkeit, mit Hilfe ihrer Auswertung universitäre Lehrinhalte ganzer Semester rekonstruieren zu können. Ins nähere Interesse rücken dabei diejenigen Professoren, die besonders gewissenhaft Rechenschaft über ihre Lehrveranstaltungen abgelegt haben. Wir erhalten durch sie Antworten auf viele Fragen, etwa nach Kontinuität und Wandel bestimmter Lehrinhalte sowie nach deren Gewichtung und Schwerpunkte an einer frühneuzeitlichen Universität.

 

Ein kurzes Semester Philosophiegeschichte in Helmstedt: Februar ‒ April 1688

Wie viel wurde also an der Universität Helmstedt in einem Semester unterrichtet? Wie viel Zeit entfiel auf diese oder jene Themen und Inhalte? Und was sagt uns das über die Ausrichtung der universitären Lehre und der ihr zugrundeliegenden Lehrdoktrinen? Sehr aufschlussreich für diese und weitere Fragen sind die Rechenschaftsberichte des Helmstedter Philosophie- und späteren Theologieprofessors Johann Barthold Niemeier (1644‒1708), der mehr als 30 Jahre durchgehend in Helmstedt unterrichtet hat. Niemeier notierte seit dem Wintersemester 1680/81 seine Berichte nicht mehr im üblichen Kurztextformat, sondern listete alle Unterrichtstage einzeln tabellarisch auf und machte Angaben zu den jeweils pro Tag unterrichteten Lehrgegenständen. Auch wenn uns dies de facto keinen vollständigen Semesterplan eines frühneuzeitlichen Professors liefert, so erhalten wir durch tabellarische Rechenschaftsberichte solcher Art doch am ehesten verlässliche Informationen über die von den jeweiligen Professoren angestrebte inhaltliche Konzeption ihrer Lehre.

Besonders erhellend ist hier die von Niemeier in der ersten Jahreshälfte 1688 gehaltene Vorlesung über die Geschichte der Philosophie. Wie der Aufbau der Lehrveranstaltung zeigt, orientierte er sich dabei an einem zeitgenössischen Geschichtsmodell, das die biblisch-heilsgeschichtliche Chronologie zur Grundlage der Menschheits- und Philosophiegeschichte machte: Für einen lutherischen Gelehrten wie Niemeier leitete sich die Philosophie demzufolge von Gott her und Adam – als erster Mensch – sowie dessen Nachfahren bis Noah waren zugleich auch die ersten Philosophen gewesen. Weitere biblische und antike Völker, wie die Babylonier, Kanaaniter, Ägypter, Kelten oder Skythen folgten und hatten, wie der Professor fast den gesamtem Februar zu dozieren weiß, allesamt ihre Philosophien vorzuweisen.

Danach folgt der größte Teil der Vorlesung: die Philosophien der Griechen und ihr Nachwirken. Die Vorsokratiker, samt Sokrates, werden in einem halben Monat absolviert (01.‒15. März). Auf Platon und die Geschichte der auf ihn gründenden Akademie entfallen immerhin sechs Sitzungen (16.‒26. März). Wie die Eintragung vom 23. März zeigt, war Niemeier dabei durchaus bewusst, dass die platonische Philosophie im Laufe der Zeit, insbesondere in der sogenannten Neueren Akademie, Änderungen, ja Verfälschungen, zum Opfer gefallen war: nova Academia a Platonis dogmatibus deflexerit. Zu solchen Eintragungen hätten wir oft gerne mehr Details. Häufig ergibt sich ein tieferer Einblick aber durch die thematisch korrelierenden und im betreffenden Semester abgehaltenen Disputationen, die die Professoren von Semester zu Semester durch Studenten verteidigen und anschließend im Druck publizieren ließen.

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Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel: 37 Alt Nr. 2518 fol. 94

Nach Platon kommt Niemeier schließlich zum wahren Kern seiner Vorlesung: die aristotelische Philosophie und die auf sie gründende peripatetische Schule (Philosophia Peripatetica/schola Peripatetica). Nicht weniger als 13 Sitzungen (also mehr als das Doppelte wie für die platonische Tradition und mindestens genauso viel wie für die Philosophie von Adam bis zu den Griechen!) wendet Niemeier ausschließlich für Aristoteles und dessen Tradition auf. Davon entfallen drei Sitzungen allein auf die Vorzüge der aristotelischen Philosophie. Im April folgen zwei allgemeine Sitzungen zur Kritik an Aristoteles. Danach behandelt Niemeier ausgiebiger die Rezeptionsgeschichte der aristotelisch-peripatetischen Philosophie, die ihn in drei Phasen zunächst über ihre antiken Kommentatoren wie Andronikos Rhodios, die mittelalterliche Scholastik und schließlich zu ihrer Renaissance im Reformationszeitalter führt (19.‒23. April). Der Rest der Rezeptionsgeschichte ist wiederum den Feinden und Kritikern der peripatetischen Schule gewidmet: In jedoch gerade einmal drei Sitzungen (24.‒26. April) werden die bedeutenden philosophischen Gegenentwürfe eines Ramé und Gassendi (die sich eine Sitzung teilen) sowie eines Descartes vergleichsweise rasch abgefertigt, was kaum der Bedeutung gerecht wird, die ihre philosophischen Schriften am Ende des 17. Jahrhundert auch für den gelehrten Universitätsdiskurs gehabt hatten. Der Rest des Aprils entfällt auf Einzelsitzungen zu den übriggebliebenen griechischen Philosophenschulen, wie der Kyniker, Stoiker und Epikureer. Bei all dem bemerken wir ein Übergewicht der alten, vornehmlich antiken Philosophie. Die neueren Philosophien, wie sie im 16. und 17. Jahrhundert aufkamen, wurden dagegen ungleich weniger komplex thematisiert und immer wieder vor der Kontrastfolie der aristotelischen Philosophietradition bewertet.

 

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Niedersächsisches-Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel: 37 Alt Nr. 2518 fol. 95

 

Der Fluch der Tradition

Rechenschaftsberichte wie die von Johann Barthold Niemeier zeigen uns, wie einflussreich die Lehrdoktrin der aristotelisch-peripatetischen Philosophie an frühneuzeitlichen Universitäten wie Helmstedt auch gegen Ende des 17. Jahrhunderts noch war. Nicht von ungefähr wurde in der philosophischen Fakultät nahezu jeder essentielle Teil der universitären Lehre, wie etwa Logik, Ethik, Rhetorik, Physik oder Metaphysik, durch die Behandlung der dafür einschlägigen Werke des so reichhaltigen aristotelisch-peripatetischen Œuvres abgedeckt. Die Lehre hatte den Universitätsstatuten sowie den akademischen Rezessverordnungen zu genügen und die Professoren hatten darüber vierteljährig vor dem Dekanat und den Fürsten Rechenschaft abzulegen. Die Vermittlung neuerer, zeitgenössischer Philosophien hingegen, die nicht explizit vorgeschrieben waren, fand de facto vielfach nur punktuell statt, obwohl sie von vielen Professoren immer wieder gefordert und in den Dissertationen auch oftmals umgesetzt wurde. Wie die Mehrzahl der Rechenschaftsberichte zeigt, blieben die neueren Philosophien im Helmstedter Curriculum lange Zeit jedoch eine Marginalie. Dies folgte einer durchaus strukturkonservativen Logik: Zu einer adäquaten Bewertung und – wenn überhaupt – eingehenderen Beschäftigung mit den neueren Philosophien konnte man nur gelangen, wenn man seinen Aristoteles in- und auswendig beherrschte. Erst nach 1700 sollte sich dieses Diktum zunehmend lockern und den neueren Philosophien im Curriculum – neben der aristotelisch-peripatetischen Philosophie – ein größerer Platz zukommen.

 

 

Information! Alle Abbildungen in diesem Beitrag stammen aus dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Wolfenbüttel und sind unter der folgenden Archivalienverzeichnung verortet: https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v5597662

„Der Wilde Mann von Wolfenbüttel“ || HABlog – HAB

Sogenannte wilde Menschen begegnen bereits im Altertum. So tritt uns mit der Figur des Enkidu im Gilgamesch-Epos eine frühe Ausprägung entgegen.

Das Alte Testament bietet mit König Nebukadnezar ein weiteres Beispiel: Er wurde im Wahn aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen, fraß Gras wie die Rinder, sein Haar wuchs wie Adlerfedern und seine Nägel wurden zu Vogelklauen. Es handelt sich hier um das Bild des zivilisierten Menschen, der dem Wahnsinn verfällt und sich zeitweise in einen „Wilden“ verwandelt.

In der mittelalterlichen Literatur kommt bei Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue ein „Wilder Mann“ in den Iwein-Dichtungen vor. In der Kunst wird er meist nackt, mit wildem, üppigen Haarschopf und einer Keule abgebildet. Er stellt einen Gegenentwurf zum höfischen Ritter dar, wobei er sich einer Zuordnung zu „Gut und Böse“, „Freund oder Feind“ entzieht. Iwein selbst bietet, als er die Gunst seiner Dame verliert, ein weiteres Beispiel à la Nebukadnezar: Er verfällt dem Wahn, tobt und lebt zeitweise nackt im Wald.

Die Beispiele ließen sich leicht vermehren. Auch in Neuzeit und Moderne übt das Motiv große Faszination aus. Belege reichen von Shakespeare über Grimmelshausen, den Brüdern Grimm bis zu Goethe, der im Faust unter anderem sagt: Die wilden Männer sind s’ genannt / am Harzgebirge wohlbekannt. Angesichts des Wolfenbütteler Beispiels ist der Bezug zum Harz von Interesse. Zu den „wilden Männern“ kommen Beispiele für „wilde Frauen“. Das Thema verdiente eine eigene Würdigung, die hier bedauerlicherweise unterbleiben muss.

Doch nun zum „Wilden Mann von Wolfenbüttel“: Es handelt sich um einen mit dem Monogramm „B.W.“ signierten Text, als dessen Autor Burkard Waldis (um 1490–1556) ermittelt wurde. Waldis wurde mehrfach von katholischer wie protestantischer Seite verhaftet, gefoltert und wieder frei gelassen. Nach seiner Konversion zum Protestantismus arbeitete er als Zinngießer, Münzgutachter und verfasste eine Abhandlung über Münzen. In der Fastnachtszeit 1527 wurde seine Parabel „Vom verloren Sohn“ zum ersten Mal aufgeführt. 1541/42 studierte er Theologie in Wittenberg und hörte Vorlesungen von Martin Luther. Danach wirkte er als Feldprediger Landgraf Philipps im Schmalkaldischen Krieg. Waldis hat außerdem weitere literarische Werke verfasst, darunter drei andere Schmähschriften, die den Streit zwischen Schmalkaldischem Bund, den Protestanten, und der katholischen Seite, in den Jahren um 1540 begleiten.

Von dem Text „Der Wilde Man von Wolfenbuttel“ existieren zwei verschiedene Drucke, die 1542 erschienen sind. Von diesen wird der eine der Marburger Werkstatt Egenolff zugeschrieben, der andere der Straßburger Offizin Frölich. Die folgenden Aussagen beziehen sich auf die Marburger Ausgabe. Auf der Titelseite mit der Aufschrift „Der Wilde Man von Wolfenbuttel“ folgt ein lateinisches Motto, das den Prophezeiungen Jeremias entlehnt ist: Maledictus homo, qui confidit in homine,& ponit carnem brachium suum (nach Luther: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt, und hält Fleisch für seinen Arm.). Es folgen fünf lateinische Distichen, die wohl Exzerpte einer Elegie von Christophorus Copehenus Erfurdianus darstellen. Der eigentliche Text folgt auf zwölf Seiten in 425 Reimpaaren. Friedrich Koldewey beschreibt den Stil „dieser gesalzenen Satiren“ in seiner Ausgabe von 1883 wie folgt: „Die Verse fließen leicht und gefällig dahin, der Ton der Polemik ist kräftig und derb, wie ihn der Geschmack der Zeit mit sich brachte, entbehrt aber … nicht einer massvollen Würde.“

Wer sich den Text genauer ansieht, stellt fest, dass es bis Vers 251 dauert, dass der „Wilde Mann“ zum ersten Mal erwähnt wird. Modern übersetzt heißt es dort etwa: Das ist der grausame Wilde Mann, / der sich so sehr hervorgetan, / dass ich seine Taten und männliche Kraft, / seine großen Siege und Ritterschaft / und seinen Triumph hier erwähnen muss. / Der sich sogar dem Teufel verschrieb / und sich so sehr überhob, / dass er Gott und den Heiligen trotzte, / sich unterstand zu fressen, was immer sich nur in deutschen Landen regte. / Er war ein Scharrhans und Eisenfresser, / ein Lästerer und Gottvergesser / ein Gottloser und Gottesverführer, / ein Verflucher von Gottes Wort und Wahrheit, / ein Schänder und Menschenverächter, / ein Mortbrenner und ein Blutvergießer (…). Und so weiter. Nun muss man sich weitere 28 Verse gedulden, bis „der Wilde“ genauer benannt wird: Das war der Welf von Wolfenbüttel: / Jetzt ist er nur ein Aschenprüttel (ein frühes Beispiel für die Erwähnung diese aus dem Märchen bekannten Begriffs).

Spätestens da war wohl für die meisten Zeitgenossen klar, dass mit „Welf von Wolfenbüttel“ Herzog Heinrich der Jüngere (1489–1568) gemeint war, auch wenn der Name nicht explizit fällt. Heinrich war der letzte katholische Herzog von Braunschweig-Lüneburg. Er widersetzte sich Bestrebungen, die Reformation einzuführen und war ein Hauptmann des katholischen Nürnberger Bundes. 1542 eroberten protestantische Truppen Heinrichs Herzogtum. Seine Niederlage und Inhaftierung waren die Folie für Burkard Waldis Streitgedicht.
Taler Herzog Heinrichs von 1549 mit der Darstellung eines Wilden Mannes https://www.hab.de/wp-content/uploads/2020/10/hab-hablog-der-wilde-mann-von-wolfenbuettel-muenze-1-415x400.jpg
Taler Herzog Heinrichs von 1549 mit der Darstellung eines Wilden Mannes

Doch woher kam die Idee, Heinrich als „Wilden Mann“ zu bezeichnen? Wie von anderer Seite bereits nachgewiesen, ist Heinrich daran nicht ganz unschuldig: Er verwendete den Ausdruck selbst in seinen Briefen und ließ seit 1539 Münzen mit dem Bild eines „Wilden Mannes“ prägen. Das Silber dafür stammte aus dem Harz, etwa aus der Grube Wildermann.

Die Münzen waren so weit verbreitet, dass es vielen in den Sinn gekommen sein wird, den unter Protestanten verhassten Herzog mit dem „Wilden Mann“ zu identifizieren. Der ambivalenten Figur des „Wilden Mannes“ wird diese Gleichsetzung allerdings ebenso wenig gerecht wie dem viel gescholtenen Herzog.