„Schuhe! Maske! Schlüssel!“ || HAB

04.08.2021

Das Interview wurde im Mai 2021 geführt und spiegelt daher den Stand der Dinge zu diesem Zeitpunkt wider. Wir möchten daher darauf hinweisen, dass nicht alle der hier beschriebenen Einschränkungen heute noch gelten. Unsere aktuellen Öffnungszeiten finden Sie hier.

HAB: Wie sah Ihr ursprünglicher Plan für Ihr Projekt und den Aufenthalt in Wolfenbüttel aus? Was hat gut funktioniert, welche Änderungen mussten Sie vornehmen?

Tomás: Mein ursprünglicher Plan sah vor, mir zunächst einen Überblick über die handschriftlichen Briefe von Johannes Caselius (1533-1613) zu verschaffen. Caselius war der vielleicht prominenteste lutherische Humanist des letzten Drittels des 16. Jahrhunderts und ein enorm einflussreicher Professor für Philosophie, zunächst an der Universität Rostock und später an der Universität Helmstedt. Es gibt 28 Bände seiner Manuskriptkorrespondenz in der HAB, es ist also eine riesige Menge an Quellenmaterial, die bisher in weiten Teilen noch nicht von Wissenschaftler*innen genutzt wurde. Ich wollte versuchen, im ersten Monat oder so ein Gefühl dafür zu bekommen, was da ist, bevor ich entscheide, wo ich tiefer eintauchen möchte. Als ich ankam, war der Handschriftenlesesaal allerdings geschlossen und das hat sich bisher nicht geändert. Dankenswerterweise waren die Mitarbeiter*innen der Handschriftenabteilung (insbesondere Dr. Christian Heitzmann) unglaublich hilfsbereit und haben viel Zeit und Mühe investiert, um herauszufinden, welche Manuskripte sicher in den Zeughaus-Lesesaal geschickt werden können, damit ich sie sichten kann. Es wurden sogar Restaurierungsarbeiten an den besonders empfindlichen Manuskripten durchgeführt, sodass auch diese letzten Endes hinübergeschickt werden konnten.

 

HAB: Sind Sie gut mit Ihrem Projekt vorangekommen? Sind Sie mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden?

Tomás: Ich glaube, ich habe schon recht große Fortschritte gemacht. Da mein Zugang zu den Manuskripten eingeschränkt war – und weil es sich um eine in mancher Hinsicht noch undurchsichtigere Quellenbasis handelt, als ich dachte – habe ich meinen Plan aufgegeben, Caselius' handschriftliche Korrespondenz zu untersuchen, wenn auch nur vorläufig. Stattdessen arbeite ich mich durch seine libri annotati (kommentierte Bücher, s. nächste Frage) und lese mich weiter in seine Publikationen ein, um dann mit besseren und präziseren Fragen an seine Manuskripte heranzugehen. Ich habe auch seine gedruckte Korrespondenz (in Ausgaben aus dem 16. und 17. Jahrhundert) gelesen, um ein Gefühl für seinen Schreibstil zu bekommen und sein Netzwerk zu erfassen. Das alles mit dem Ziel, die handschriftlichen Briefe, auf die ich mich hoffentlich bald wieder konzentrieren werde, besser verstehen zu können.

 

HAB: Hatten die ungewöhnlichen Bedingungen auch Vorteile?

Tomás: Ja, tatsächlich! Ich wusste ja, dass Caselius' persönliche Bibliothek im frühen 17. Jahrhundert an die Helmstedter Universitätsbibliothek gegeben worden war, also hatte ich mir gedacht, dass einige seiner Bücher, vielleicht mit Marginalien, in der HAB zu finden sein könnten. Aber ich hatte mich so sehr auf die Manuskripte konzentriert, dass ich seinen gedruckten Büchern nicht viel Beachtung schenkte. Als ich hier ankam und dachte, dass ich vielleicht monatelang kein Manuskript ansehen könnte, fragte ich den Leiter der Handschriftenabteilung, Dr. Christian Heitzmann, ob die HAB libri annotati von Caselius besäße. Er bejahte dies nicht nur, sondern zeigte mir freundlicherweise, wie man den Online-Katalog der HAB nach Provenienzen durchsuchen kann, wodurch ich mehr als neunzig Bücher ausfindig machen konnte, die sich früher in Caselius' Bibliothek befunden haben. Die Liste wird kontinuierlich erweitert, denn ich finde zusätzlich immer mehr Bücher, die noch nicht als Werke aus seinem Besitz katalogisiert sind. Das ist spannende Detektivarbeit. Viele dieser Bücher haben umfangreiche Marginalien und sind ausgezeichnete Quellen, um zu verstehen, wie dieser lutherische Humanist Texte las und interpretierte. Ohne das anfängliche Hindernis, dass der Handschriftenlesesaal geschlossen war, hätte es vielleicht noch lange gedauert, bis ich diesen wahren Schatz entdeckt hätte.

 

HAB: Wie erleben Sie die Bibliothek in der Pandemie?

Tomás: Abgesehen davon, dass ich in den Lesesaal gehe und Bücher bestelle, bekomme ich von der Bibliothek selbst leider nicht sehr viel mit. Wir können noch immer nicht im Freihandbestand stöbern, also bestelle ich meistens nur online von meinem Büro aus Bücher und komme dann alle paar Tage am Tresen im Zeughaus vorbei, um sie abzuholen.

 

HAB: Wie gestaltet sich Ihr Kontakt zu anderen Stipendiat*innen und den Mitarbeiter*innen der Bibliothek?

Tomás: Das war für mich wahrscheinlich einer der traurigsten Teile der Erfahrung "Wolfenbüttel in Zeiten von Corona". Ich hatte wunderbare Geschichten über die kollegiale Kultur in der HAB gehört, mit ihren Kaffeerunden und den regelmäßigen Gesprächen zwischen Wissenschaftler*innen und Mitarbeiter*innen. Davon ist aktuell natürlich fast nichts zu spüren. Die virtuellen Veranstaltungen und Kolloquien, die die Bibliothek anbietet, habe ich sehr genossen, aber es ist schwer, Menschen in einem solchen Rahmen wirklich kennenzulernen. Ich habe mich mit ein paar anderen Forscher*innen angefreundet (die auch für längere Aufenthalte hier sind), und wir gehen gelegentlich im Freien einen Kaffee trinken. Im April sind zwei Wissenschaftler*innen mit ihrer zweijährigen Tochter neben uns eingezogen. Das war für uns ein großes Glück, vor allem weil unser Sohn jetzt jemanden in seinem Alter zum Spielen hat! Der meiste Kontakt mit den Mitarbeiter*innen findet per E-Mail statt. Ich habe auch einige sehr freundliche Gespräche geführt, aber die derzeitige Atmosphäre wirkt sehr isolierend – es ist nahezu unmöglich, ein Gespräch mit jemandem anzufangen (was in einer fremden Kultur und einer fremden Sprache ohnehin schon eine Herausforderung ist!), da alle versuchen, den Kontakt zu anderen Menschen zu minimieren.

 

HAB: Wie sieht ein typischer Tag für Sie und Ihre Familie hier in Wolfenbüttel in Zeiten von Corona aus?

Tomás: Die meisten Tage sind nicht sonderlich aufregend. Ich stehe vor meiner Frau und meinem Sohn auf und verlasse die Wohnung meist gegen 7:30 Uhr. Ich gehe in mein Büro im Anna-Vorwerk-Haus, um zu arbeiten. Manchmal verbringe ich die gesamte Öffnungszeit (10 bis 16 Uhr) im Zeughaus-Lesesaal, an anderen Tagen bleibe ich bis 17 Uhr in meinem Büro und gehe dann zum Abendessen nach Hause. An etwa zwei Abenden in der Woche – zumindest während des amerikanischen Semesters, wenn an meiner Heimatuniversität viele virtuelle Veranstaltungen stattfinden – habe ich abends Besprechungen via Zoom, sodass ich bis spät in die Nacht im Büro bleibe. Meine Frau Eleanor ist eine "stay-at-home mom" (was in Zeiten von Corona fast wörtlich zu nehmen ist!) und verbringt daher den Tag mit Lesen und Spielen mit unserem Sohn Marvin (2) zu Hause und experimentiert mit deutschen Rezepten und der deutschen Kücheneinrichtung. Die beiden machen aber auch jeden Tag ein oder zwei lange Spaziergänge, sofern es draußen nicht zu ungemütlich ist, und kommen manchmal bei mir im Büro vorbei, um Hallo zu sagen. Die meiste Zeit verbringen wir abends und an den Wochenenden miteinander.

 

HAB: Gibt es eine besondere Erfahrung, die charakteristisch für Ihren Aufenthalt hier ist?

Tomás: Was mir dazu sofort in den Sinn kommt, ist das Bewusstsein meines Sohnes für Masken. Marvins Wortschatz hat sich seit unserer Ankunft sprunghaft entwickelt, und so ist es natürlich nicht verwunderlich, dass "Maske" ein Teil davon ist, aber es ist bezeichnend, dass er Masken als einen wesentlichen Bestandteil des Verlassens der Wohnung betrachtet. Wann immer wir uns zum Aufbruch bereitmachen, ruft er "Schuhe! Maske! Schlüssel!". Er hat sich auch angewöhnt, uns darauf hinzuweisen, wenn wir an jemandem vorbeigehen, der keine Maske trägt - was ein bisschen peinlich sein kann! Ich glaube nicht, dass dies in den USA der Fall gewesen wäre, oder zumindest nicht auf die gleiche Weise. Da wir ein eigenes Haus haben und überall mit dem Auto hinfahren, würde das Aufsetzen einer Maske nicht zur Routine gehören, wenn wir irgendwohin gehen, sondern nur, wenn wir zum Beispiel ein Lebensmittelgeschäft betreten. Auch ein Spaziergang in unserer Wohngegend in den USA würde normalerweise keine Maske erfordern. Marvins Verständnis von Masken wäre in den USA also nicht so sehr „das, was wir tragen, wenn wir das Haus verlassen“, sondern eher „das, was wir innerhalb bestimmter anderer Gebäude tragen“. Ich vermute, dass das eine Auswirkung darauf haben könnte, wie er die Beziehung zwischen der Außenwelt und seinem Zuhause sieht. Das hat also nicht unbedingt etwas mit der HAB zu tun - es ist vielmehr die Momentaufnahme einer amerikanischen Familie, die in Zeiten von Corona in eine deutsche Kleinstadt verpflanzt wurde.

 

#HABehind the Scenes


Tomás Valle befasst sich in seiner Forschung mit der lutherischen intellektuellen Kultur um 1600 mit einem besonderen Fokus auf ein Netzwerk von Professoren, die an den Universitäten Helmstedt und Rostock tätig waren. Seine Arbeit in Wolfenbüttel wird von der Fulbright Foundation gefördert. Lesen Sie hier unseren HABlog-Beitrag zur Restaurierung der Manuskripte von Johannes Caselius.

 

Wir möchten uns ganz herzlich bei Tomás und seiner Familie bedanken, dass sie uns an ihren Erfahrungen hier an der HAB teilhaben ließen

Matthias Schulz || HAB

Matthias Schulz studierte Kunstgeschichte an der Universität Leipzig sowie Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2015 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstwissenschaft der HBK Braunschweig. Von August 2017 bis Januar 2018 (sowie Febr./März 2019) war Matthias Schulz Stipendiat des Deutschen Studienzentrums in Venedig. Seine Dissertation verfasste er zu naturphilosophischen und […]

Aby Warburgs Kampf mit dem Bibliothekslindwurm || HAB

21.06.2021

Am Vormittag des 16. Dezember 1901 stehen zwei fröstelnde Männer im unbeheizten Handschriftenzimmer der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel. Der ältere von beiden, Otto von Heinemann (1824–1904), versieht seit 32 Jahren das Amt des Oberbibliothekars. Routiniert legt er wertvolle Handschriften auf den langen Tisch, blättert einige Seiten auf und erläutert Herkunft, Inhalt und Besonderheiten.

Das Handschriftenzimmer in der Bibliotheca Augusta, Fotografie, um 1900. HAB: Top 2a (90). //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/05/hab-hablog-aby-warburg-abb-1.jpg
Das Handschriftenzimmer in der Bibliotheca Augusta, Fotografie, um 1900. HAB: Top 2a (90).

Der junge Mann neben ihm, der jede seiner Bewegungen aufmerksam verfolgt, hatte sich zuvor in das Benutzerbuch eingetragen: „A. Warburg, Dr. phil. Florenz, Privatgelehrter“. Heinemann ahnt nicht, wie sehr sein Gast darum bemüht ist, den interessierten Gesichtsausdruck und die Contenance zu bewahren.

Abends auf seinem Zimmer im Deutschen Haus in Braunschweig wird Aby Warburg seine Eindrücke und Empfindungen in einem Brief an seine Frau Mary Hertz (1866–1934) ausführlich schildern: Heinemann sei „stolz über seine Schätze, auch willens, dem lesebegierigen Fremden […] zu imponieren“. Doch zugleich habe sich der Bibliothekar auch „maßlos geärgert über die Störung in seinem Betrieb und über die Kälte“, als er Warburg „ein Manuskript nach dem anderen für zwei Minuten“ zeigte. Mit den dazu gemurmelten Bemerkungen sei Heinemann ihm vorgekommen „wie ein alter Zauberer“, der „den jungen Adepten in seinen Kräuterkasten hineinriechen läßt, jeden Augenblick bereit, ihm den Deckel auf die Nase fallen zu lassen“.

Warburg war nicht als schaulustiger Tourist gekommen. Bereits im März hatte er Heinemann, dem er im Jahr zuvor in Luzern begegnet war, eine Postkarte geschrieben und um Auskunft über vorhandene Quellen zu den Florentiner Familien Sassetti und Tornabuoni gebeten.

Aby Warburg an Otto von Heinemann, Postkarte aus Florenz vom 02. März 1901. HAB: BA II, 98, Nr. 14766. //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/05/hab-hablog-aby-warburg-abb-2.jpg
Aby Warburg an Otto von Heinemann, Postkarte aus Florenz vom 02. März 1901. HAB: BA II, 98, Nr. 14766.

Offenbar hatte er eine vielversprechende Antwort erhalten. Jetzt aber musste er darum bangen, überhaupt etwas vorgelegt zu bekommen, was ihm für seine Forschungsarbeit nützlich sein konnte: „Ich muß sehen, daß er morgen noch mit etwas rausrückt, sonst ist es hier verlorene Zeit.“

Warburg hatte allen Grund zur Besorgnis, denn Heinemann stand in dem Ruf, Benutzerwünschen gegenüber wenig aufgeschlossen zu sein. Noch in der Straßenbahn, die ihn von Braunschweig nach Wolfenbüttel brachte, wurde Warburg von „zwei Eingeborenen“ gewarnt, die Heinemann „bereits als unangenehmen Bibliothekslindwurm kannten und den Jüngling mit weisen Ratschlägen versahen wie ER zu bethören sei“. Wie Siegfried oder Jason sah sich Warburg gezwungen, das „Schlangenthier“ Heinemann zu überwinden, um zum begehrten Schatz zu gelangen.

Jasons Kampf mit dem Drachen, Holzschnitt in: Historia di Giasone et Medea, Florenz 1557. HAB: M: Lk Sammelbd 64 (39). London, Warburg Institute, Photographic Collection. //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/05/hab-hablog-aby-warburg-abb-3.jpg
Jasons Kampf mit dem Drachen, Holzschnitt in: Historia di Giasone et Medea, Florenz 1557. HAB: M: Lk Sammelbd 64 (39). London, Warburg Institute, Photographic Collection.

Immerhin konnte er nach Heinemanns Vorführung der Zimelien doch noch die Prachthandschrift der Opera des Bartholomaeus Fontius, eine der sogenannten Wolfenbütteler Corvinen, einsehen. Doch aus ihr erfährt Warburg nicht mehr, als er aus der nach ihr gedruckten Fassung schon kannte – und auch „das Portrait von Fontio verrät nicht viel“.

Bartholomaeus Fontius: Opera, Florenz 1488, Bl. I r. HAB: Cod. Guelf. 43 Aug 2°. //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/05/hab-hablog-aby-warburg-abb-4.jpg
Bartholomaeus Fontius: Opera, Florenz 1488, Bl. I r. HAB: Cod. Guelf. 43 Aug 2°.

Umso erfreulicher sollte der folgende Tag werden, als ihm ein Sammelband mit 91 seltenen Florentiner Drucken von zumeist kirchlichen Schauspielen des 16. Jahrhunderts vorgelegt wird. Warburg ist auf den Band vermutlich durch eine Publikation von Heinemanns Sekretär Gustav Milchsack (1850–1919) aufmerksam geworden, die ein Verzeichnis der enthaltenen Stücke bietet. Von diesen sollte vor allem die 1557 gedruckte Historia di Giasone et Medea mit ihren fünf Holzschnitten Warburg auch nach seiner Rückkehr nach Hamburg beschäftigen.

Um den Text und seine Bilder nochmals eingehend studieren zu können, ersucht er Heinemann später mindestens einmal – freilich vergeblich – um eine Fernleihe des Bandes. Im September 1904, nur drei Monate nach Heinemanns Tod, wendet er sich in einem Brief an dessen designierten Nachfolger Milchsack mit der Bitte um fotografische Aufnahmen der Holzschnitte. Allerdings, so Warburg, würde er es „vorziehen, den Sammelband hier noch einmal studieren zu können bzw. die Photographien hier aufnehmen zu lassen; ich wage aber nicht, diese Bitte zu wiederholen, da mir vom verst[orbenen] Oberbibliothekar vor Kurzem ein abschlägiger Bescheid zu Theil wurde, obgleich ich den Sammelband <natürlich nur> in den Räumen der hiesigen [Hamburger Stadt-]Bibliothek benutzen wollte.“ Milchsacks umgehend verfasster Antwortbrief war begleitet von seinem Nachruf auf Heinemann. Die nicht durchgängig schmeichelhafte Charakterisierung des Verstorbenen, die er darin lesen konnte, mag Warburg eine gewisse Genugtuung bereitet haben: „Wer an die Pforten der Bibliothek allzu ungestüm pochte in der Meinung, daß Bücher und Beamte nur darauf gewartet hätten, von ihm für seine, natürlich höchst bedeutenden Forschungen in Anspruch genommen zu werden, der sah sich leicht, zu seiner Ueberraschung, einem Oberbibliothekar mit kühler Amtsmiene und zugeknöpftem Rock gegenüber, und daß er hinterher seinen Aerger über nicht erfüllte Wünsche und Ansprüche in tadelnden Ausdrücken Luft machte, war menschlich und nicht unbegreiflich. (15 f.)“

Obwohl sich Milchsack demgegenüber als deutlich liberaler erweisen sollte, waren ihm doch Grenzen gesetzt. So musste er Warburg mitteilen, dass eine Fernleihe des begehrten Bandes grundsätzlich möglich sei, in diesem Fall aber die Genehmigung des Herzoglichen Staatsministerium einzuholen sei, mithin ein entsprechendes Gesuch gestellt werden müsste. Daraufhin teilte Warburg Milchsack mit, dass er sich mit den Fotos zufriedengeben werde, ein Gesuch aber vorerst nicht stellen möchte. Die Aufnahmen trafen am 22. Oktober in Hamburg ein. Doch eine bloße Bildbetrachtung ohne Berücksichtigung der Textzeugnisse entsprach nicht Warburgs wissenschaftlichem Ethos. Im Februar 1906 erbittet Warburg daher eine Abschrift von Giasone et Medea, die ihm zwei Monate später für eine Gebühr von 30 Reichsmark übersandt wird.

In den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten wird Warburg immer wieder Bilder aus Handschriften und Drucken der Wolfenbütteler Bibliothek reproduzieren lassen. Etliche dieser fotografischen Aufnahmen sind heute noch vorhanden oder zumindest nachweisbar. Warburg setzte in seiner Forschung konsequent auf die neuen Möglichkeiten zur technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken – unabhängig davon, ob er diese Bilder für eigene Publikationen benötigte. Es ist nicht gänzlich auszuschließen, dass der Aufbau des dank einer Flut von Fotoaufträgen an Museen, Bibliotheken und Archive stetig wachsenden Bildarchivs der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Hamburg auch motiviert war von den Erfahrungen, die Warburg mit schwierigen Sammlungsleitern – neben Heinemann wäre auch an Guido Biagi, den Direktor der Biblioteca Laurenziana in Florenz zu denken – gemacht hatte. Die zunehmend intensive Nutzung der Fotografie als „Bilderfahrzeug“ zweiter Ordnung erlaubte es jedenfalls, dass Warburg seine Bibliotheksreisen einschränken konnte. Nach Wolfenbüttel kam er nicht mehr.


Ich danke Björn Biester, Christian Heitzmann und Eckart Marchand für wertvolle Hinweise und Hilfestellungen. Die von Michael Diers besorgte Auswahlausgabe der Warburg-Briefe wird voraussichtlich 2021 als Band V  der Studienausgabe erscheinen.


Abbildung: Aby Warburg, Fotografie, 1912 (Quelle: Wikipedia).

 

#HABewegt

„Nicht nur für den Beruf begeistert“ || HABlog – HAB

25.05.2021

Am Vormittag des 22. April 2021 herrschte an der Herzog August Bibliothek eine ungewöhnliche Atmosphäre. Einige Mitarbeiter*innen bewegten sich mit Tablets oder Smartphones, das Gerät direkt vor sich haltend und laut sprechend durch die Arbeitsräume, andere saßen vor farbenfrohen PowerPoint Präsentationen in ihren Büros. Hin und wieder ertönten aus den Geräten neugierige Kinderstimmen: „Warum lagerte Herzog August seine Bücher über dem Marstall?“, „Was passierte mit Frau und Kind von Gotthold Ephraim Lessing?“, „Wurde der Leibniz Keks nach Gottfried Wilhelm Leibniz benannt?“ – keine Frage blieb unbeantwortet.

Nachdem die Zukunftstage im Jahr 2020 gänzlich ausfallen mussten, fanden sie im Jahr 2021 überwiegend digital statt. 2.823 digitale Angebote für 89.454 Schüler*innen der Klassen fünf bis zehn gab es bundesweit. Darunter auch die Angebote der HAB. Nach einer gemeinsamen Begrüßung der 12 Mädchen und 9 Jungen durch den Direktor, Prof. Dr. Peter Burschel, gab Dr. Volker Bauer einen Einblick in die Geschichte und Gegenwart der Bibliothek. Anschließend beantworteten die Mitarbeiter*innen allgemeine Fragen, bevor es nach einer kurzen Pause in Kleingruppen weiterging. Die Mädchen bekamen dabei Einblicke in die von Männern dominierten Bereiche der HAB, wie zum Beispiel die EDV, die digitalen Geisteswissenschaften und die Forschung. Die Jungen wurden unter anderem in der Restaurierwerkstatt, der Abteilung für Veröffentlichungen und der Stabstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit aktiv.

Die größte Herausforderung für die Mitarbeiter*innen war es, den Schüler*innen im digitalen Format einen lebendigen Einblick in ihre Berufe und den Alltag an einer Forschungseinrichtung und Bibliothek zu vermitteln. Kreativität war gefragt und brachte viele unterhaltsame Vermittlungsmethoden hervor. „Generell ist ein Vor-Ort Besuch in der Restaurierungswerkstatt natürlich immer besser, um auch einen guten Eindruck von den verwendeten Materialien wie Leder, Pergament, Japanpapier etc. zu vermitteln bzw. bei der kleinen praktischen Arbeit Hilfestellung leisten zu können – aber ich war positiv überrascht, dass auch ein virtueller Werkstattbesuch durchaus funktionieren kann“, sagt Marenlise Jonah Höhlscher. Die Buchrestauratorin faltete im Rahmen des Zukunftstages mit den Schülern ein Origami-Buch und ermöglichte auf diese Weise trotz der Distanz eine praktische Erfahrung. Bei einer digitalen Führung mit dem iPad konnten die Jungen die Restaurierwerkstatt als Arbeitsplatz kennenlernen.

Zwei Häuser weiter führte auch Charleen Zander aus der Abteilung für Handschriften und Sondersammlungen drei Schülerinnen mit einem Smarthone durch die Räumlichkeiten der Herzog August Bibliothek. Zuvor hatten die Mädchen bereits eine kleine Schnitzeljagd absolviert. Zwischen Aufgabe und Lösung erschlossen sie sich die Welt mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Handschriften sowie die Arbeitsweisen der Forscher*innen und Bibliothekar*innen.

Eine weitere iPad-Tour gab es auch in der Stabsstelle EDV. Hier konnten die Kinder den Serverraum besichtigen. Die Mitarbeiter*innen der Stabsstelle für Presse und Öffentlichkeitsarbeit, Forschungsabteilung und der Abteilung für alte Drucke führten dagegen über PowerPoint Präsentationen und kleine Aufgabenstellungen in ihren Berufsalltag ein.

Im Bereich der Digitalen Geisteswissenschaften lernten die Schüler*innen die Wolfenbütteler Digitale Bibliothek und die Sammlungsschwerpunkte Handschriften, Drucke und Graphiken kennen. Anhand des virtuellen Kupferstichkabinetts erklärte ihnen Marcus Baumgarten den Einsatz von Such- und Datenbanktechniken, anschließend konnten sich die Mädchen in der Editionsarbeit ausprobieren, indem sie die Herausforderung annahmen, die Handschrift in einem Tagebuch des Fürsten Christian II. von Anhalt-Bernburg (1599–1656) zu entziffern. Da in dem Text viele Personen vorkamen, bot sich die Anwendung eines weiteren Tools an: DLINA (Personennetzwerk deutschsprachiger Dramen). Die kleine Gruppe widmete sich besonders dem Harry Potter-Netzwerk und untersuchte, wie sich dieses von Band zu Band veränderte, um anschließend ein Fazit für die Handlung daraus ziehen zu können. Zum Schluss erstellte die Gruppe ihr eigenes Netzwerk.

Währenddessen machten die beiden Teilnehmer im Bereich der Veröffentlichungen ihre Motivation gleich deutlich. Sie haben sich gezielt für die Abteilung entschieden, da sie gern Geschichten schreiben und die Arbeit des Journalisten für sich anvisieren. „Die Jungen interessierten sich vor allem für den Weg zur Veröffentlichung eines Buches und fragten, wie das Buch in den Laden kommt. Beide machten sich sogar unermüdlich Notizen, weswegen wir unser Tempo drosselten, damit auch keine Information unnotiert blieb. Trotz der technischen Distanz, die mit dem Online-Meeting einherging, kam Spaß im Gespräch auf. Dadurch war es umso weniger bemerkbar, dass wir uns nur über den Bildschirm kennenlernen konnten“, berichten Jürgen May und Bianca Verhoef, die die Kleingruppe leiteten. Zum Schluss konnten sich die Schüler sogar das Design des eigenen Buches ausmalen. Vielleicht findet sich ja eines davon in einigen Jahren in den Regalen der Herzog August Bibliothek wieder.

 

#HABehind the Scenes

Ein Professor an der Ritterakademie || HAB

05.05.2021

 

1694 übernahm der fünfundzwanzigjährige Sturm die Mathematikprofessur an der Ritterakademie Rudolph-Antoniana, die vakant geworden war. Zu seinen Aufgaben gehörter auch Vorlesungen zur Zivil- und Militärbaukunst, die damals zur praktischen Mathematik gezählt wurde.

Sturms Einstellung zu Wolfenbüttel war ambivalent, wie er in einem Brief an August Hermann Francke vom 13. Juni 1701 anmerkte: „Wiewohl ich gantz ruhig Gottes Schickung abwarten will, dem es gedanckt seÿ, daß ich hier eine schöne besoldung, Vergnügliches auskommen und eine gnädige Herrschaft habe und mich über nichts mehr zu beklagen habe, als über mangel Gottgefälliger gesellschaft und Zeitverkürtzung in der conversation.“

Sturms Brief an August Hermann Francke //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/04/hab-hablog-ein-professor-an-der-ritterakademie-brief-francke.jpg
Sturms Brief an August Hermann Francke

Einerseits fehlte dem ehrgeizigen jungen Professor in der kleinen Residenzstadt die akademische Herausforderung. Ferner missfiel ihm die seit dem Pietistenedikt von 1692 geltende Gesinnungszensur, die alle Personen im öffentlichen Dienst betraf, also auch ihn. Andererseits war der Standort Wolfenbüttel für ihn ein Glücksfall, denn die Verfügbarkeit von Büchern und wissenschaftlichen Instrumenten für die Lehre und den eigenen Gebrauch war dank der berühmten herzoglichen Bibliothek vor Ort gesichert.

Die Ausleihbücher, die die Wolfenbütteler Bibliothek seit 1664 kontinuierlich geführt hat, verraten tagesgenau die Zugriffe der Benutzer*innen. Sturm gehörte in seiner Wolfenbütteler Zeit zu den häufigsten  und dankbarsten Benutzern der Bibliotheca Augusta, die während des Bestehens der Ritterakademie (1687−1713) zugleich akademische Bibliothek war. Als Professor der herzoglichen Lehranstalt wie als Privatmann entlieh er insgesamt 391 Bücher, manche mehrmals. Interessanterweise hält sich der Anteil an mathematischen Büchern in Grenzen, was vielleicht mit dem Vorhandensein relevanter Werke in seiner Privatbibliothek zusammenhängt. Umfangreich sind die Ausleihen aus der Sachgruppe „Architektur, Geometrie und Ingenieurskunst“ mit vielen Klassikern, zudem aus der Rubrik „Militaria“ mit einschlägigen Titeln zum Festungsbau. Auch der theologische Anteil ist signifikant, wobei das Thema Religion erst in seinen letzten drei Jahren vor Ort Gegenstand seiner intensiven Beschäftigung geworden zu sein scheint. Nicht zuletzt machte Sturm von der Möglichkeit Gebrauch, einen Erdglobus sowie astronomische und geometrische Instrumente aus dem herzoglichen Sammlungsbestand in die Akademie mitzunehmen und im Unterricht zu verwenden.

Eine Seite aus dem Ausleihbuch (Bibliotheksarchiv HAB | Bibl.A. 1,1 Registraturbuch 1664-1697). Am 8. Okt. 1694 entleiht Sturm La Ramée, Pierre de: Scholarum mathematicarum libri 31. Frankfurt/M. 1627. - 17.1 Quod.4° //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/04/hab-hablog-ein-professor-an-der-ritterakademie-ausleihbuch-1.jpg
Eine Seite aus dem Ausleihbuch (Bibliotheksarchiv HAB | Bibl.A. 1,1 Registraturbuch 1664-1697). Am 8. Okt. 1694 entleiht Sturm La Ramée, Pierre de: Scholarum mathematicarum libri 31. Frankfurt/M. 1627. - 17.1 Quod.4°

Der Umfang von Sturms privatem Buchbesitz lässt sich für seinen Aufenthalt an der Oker nur grob schätzen. Die 20 Blätter umfassende Inventarliste, die sich im Archiv der Herzog August Bibliothek erhalten hat (Signatur BA I 673), bildet nämlich den Bestand der Privatbibliothek am Ende seines Lebens ab. Als er 1719 fünfzigjährig in Blankenburg im Harz starb, zählte seine Sammlung immerhin an die 500 Einzeltitel, darunter Streitschriften, Tafelwerke, Landkarten und Dissertationen sowie Bild- und Sammelbände.

Die erste Seite der Inventarliste zu Sturms Privatbibliothek. //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/04/hab-hablog-ein-professor-an-der-ritterakademie-inventar-sturm-s1-1.jpg
Die erste Seite der Inventarliste zu Sturms Privatbibliothek.

Die Mehrzahl der Einträge in der Inventarliste gehört in die Sparte der sogenannten Wissensliteratur mit den Schwerpunkten „Architektur/zivile und militärische Bau- und Ingenieurskunst“ und „Astronomie/Mathematik/Geometrie“. Vertreten sind die bekannten Autorennamen der genannten Disziplinen zuzüglich einschlägiger Werke von Sturm selbst. Ferner sind Titel gelistet, die sich der Gruppe „Geographie/Topographie/Landes- und Reisebeschreibung“ zuordnen lassen. 140 Nummern entfallen auf theologische Bücher, darunter Leuchttürme der pietistischen Glaubensbewegung sowie Schriften weiterer einschlägiger, zum Teil chiliastischer Autor*innen. Auch in dieser Sektion finden sich Texte aus Sturms Feder, in denen er um die richtige Auslegung der göttlichen Offenbarung ringt, wobei er teilweise auf mathematische Verfahren für die Beweisführung zurückgreift. Die Einträge auf den letzten drei Seiten des Inventars schließlich ergeben ein kleines, feines Instrumentenkabinett. Es sind Gerätschaften angeführt, die dem technischen Zeichnen und der optischen Zurüstung dienen, zum Beispiel „ein groß und ein klein speculum causticum“ [Brennspiegel], „ein Hohl Spiegel“, „ein Microscopium in holtz gefaßet“, anderes mehr.

Leonhard Christoph Sturm war schriftstellerisch enorm produktiv, mindestens 40 Traktate zur Architekturtheorie hat er verfasst, Schriften mit theologischen Themen, Disputationen und Beiträge zur Mathematik, Museologie avant la lettre und Adelserziehung kommen hinzu. Während Sturm als Mathematiker und Baudirektor in verschiedenen Anstellungen stand, hat er selbst nur ganz wenige Bauprojekte realisiert. Dieses Manko war ihm bewusst und er hat es in seinen Schriften mehrfach benannt und bedauert. Beachtenswert ist ferner sein parallel zu diesen Einsätzen mit vergleichbar hohem Sachverstand geführter theologischer Diskussions- und Publikationseifer. Das temperamentvolle Wesen Sturms, den nicht zuletzt die von ihm so empfundene religiöse Laxheit der Welt existentiell aufregte und beunruhigte lässt sich auch in seiner Korrespondenz mit Zeitgenossen – unter ihnen Gottfried Wilhelm Leibniz, August Hermann Francke und Gottfried Kirch (1639–1710) – beobachten.

Sturms Ausdrucksweise lässt dabei auf einen ambivalenten Charakter schließen. So bekundet er oft dankbare Demut vor Gott und bemüht den Schöpferherrn als Erklärung für sein Tun und Können („Dann es ist gewiß, daß ein Mensch nichts eigenthümliches hat, welches er nicht von GOtt empfangen habe“), brüstet sich aber im gleichen Augenblick mit seiner individuellen Kompetenz, was nicht selten widersprüchlich, ja anmaßend wirkt („Nachdeme ich die unstreitig beste Manier zu fortificiren an den Tag gegeben“). Tritt er in seinem Schreiben durchaus höflich und distinguiert auf, gebraucht den Bescheidenheitstopos und betont die eigene Fehlbarkeit („Darum ich den Leser freundlich will gebeten haben, seine Bedenken mit mir freundlich zu communiziren ... ich mir es gar für keine Schande achte ein Mensch zu seyn, das ist, zu irren“), frappiert das mögliche zeitnahe Hervorbrechen einer Streitlust, gepaart mit Rechthaberei: „Nun ist dieses Urtheil [gemeint ist ein Gegenargument, wahrscheinlich aus der Feder des berühmten Hallenser Professors für Mathematik und Philosophie, Christian Wolff] wohl also beschaffen, daß es weder mir noch meiner Sache den geringsten Abtrag thun kan“.

Mit seinen bautechnischen Ideen und Entwürfe im zivilen und militärischen Bereich wie mit seinen Interventionen in Glaubensfragen machte sich Sturm einen Namen, der nicht unumstritten war. Die intensive Benutzung der öffentlichen Bibliothek in Wolfenbüttel, der persönliche Buchbesitz, das umfangreiche eigene Œuvre, einschließlich akkurater technischer Zeichnungen weisen Leonhard Christoph Sturm als Architekturtheoretiker, Kulturtechniker und streitbare öffentliche Person von Rang im frühen 18. Jahrhundert aus.

 

#HABewegt

Wege der Ameise || HABlog – HAB

14.04.2021

 

Zu Beginn des Jahres tätigte die Herzog August Bibliothek einen besonders spannenden Ankauf: Das Künstlerbuch Wege der Ameise (2020) von Kai Pfankuch ist auf mehreren Ebenen bemerkenswert. Zum einen handelt es sich um ein Unikatbuch - 120 Seiten handgeschriebene Texte auf halbtransparentem Chinapapier, begleitet von 52 Originalzeichnungen in japanischer Reibetusche und Aquarell. Der Hofheimer Künstler hat fast zwei Jahre daran gearbeitet. Zum anderen geht es inhaltlich über die kreative Verbindung von Kunst und Wissenschaft oder Text und Bild weit hinaus.

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Wege der Ameise ist eine reflektierende Analyse der Gesellschaft mit ihren sozialen Ordnungen, von der Antike bis hin zu einer Zukunftsvision. Angeregt durch Niels Werbers Buch Ameisengesellschaften. Eine Faszinationsgeschichte (2013), das sich mit Ameisen als Metaphern zur Selbstbeschreibung von Gesellschaft in literarischen Texten beschäftigt, versammelt Kai Pfankuch Textauszüge von Plinius d. Ä., Ovid, Apuleius, Brant, Perrière, Lessing, Lichtenberg, Schopenhauer, Baudelaire, Laßwitz, Wells, Simmel, Jünger, Huxley, Vian und Hölldobler, die er Wort für Wort mit der Zeichenfeder abschreibt. Allen Texten gemeinsam ist der Topos der Ameisen und die Frage, inwieweit deren Form des Zusammenlebens auch ein Modell des Menschen und seiner sozialen Organisation sein könnte.

In einzelnen Buchlagen entstehen leitbegrifflich ausgerichtete Themenblöcke: Mythos, Traum (Antike); Moral (Spätmittelalter, beginnende Neuzeit); Vernunft, Staat, Revolte (Zeit der Aufklärung); Großstadtmenge, Gewimmel (Stadtentwicklung Mitte 19. Jahrhundert); Satire, Horrorgeschichte (ausgehendes 19. Jahrhundert); Persönlichkeit und Masse, Abstraktheit des Lebens (Stadtentwicklung ausgehendes 19. und frühes 20. Jahrhundert); Totalitarismus, Uniformität, Krieg, Mensch-Maschine (Dystopie), Organisation (Schwarm). Die „Ameisentexte“ werden durchgängig begleitet von zwei Kapiteln aus der Science Fiction-Erzählung Der Unbesiegbare von Stanisław Lem (1964), die von einem Schwarm selbststeuernder elektronischer Teilchen als Endstufe einer ‚toten‘ Evolution von Maschinen handelt. Szenische Umsetzungen, Zeichnungen in Tusche und Aquarell, verbinden die literarischen Vorlagen miteinander. Die bildlichen Interpretationen, deren Farbskala von bedrohlich wirkendem Rot und kühlem Blau dominiert wird, zeigen Körperfiguren sowie Architekturdarstellungen und spielen assoziativ die unterschiedlichen zeitgeschichtlichen Aspekte der Gesellschaftsordnung durch. Die utopischen Illustrationen der modernen kapitalistischen Massengesellschaft rufen Konnotationen von Technisierung, Automatisierung und Entfremdung hervor. Doch dieser Eindruck wird durch die feine, persönliche Handschrift des Künstlers immer wieder relativiert.

Neben dem Aspekt der Zeitlichkeit, der Rückwärts- und Vorwärtsgewandtheit von der Antike bis in die Zukunft, variiert Pfankuch auch die verschiedenen Dimensionen, indem er das zentrale Objekt, die Ameise, in schwarz-weiß gehaltenen Darstellungen vergrößert und das Insekt naturwissenschaftlich analysiert.

In ihrer Komplexität detailliert erfasst, durchwandern die regen Tiere, die immer in Bewegung scheinen, in ruhiger Ordnung die Texte. Taktung, Konformität und Struktur des Zusammenlebens der Ameisen zeigen den Kern, aber auch den Wandel sozialer Systeme. Mit Wege der Ameise schafft Kai Pfankuch eine Verbindung literarischer Inhalte und künstlerischer Ideen mit philosophisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnissen als Echo in Vergangenheit und Zukunft. Eine Gesellschaftsgeschichte im Künstlerbuch.


Über den Künstler:

Kai Pfankuch ist Maler, Zeichner und Buchkünstler. Seine Arbeiten entstehen ausschließlich auf Papier: großformatige (auch mehrteilige) Aquarelle, aquarellierte Zeichnungen mit Pinsel und Tusche, Lithographien, Siebdrucke und Radierungen. Seit 1994 stellt er Künstlerbücher her, die er im Eigenverlag der Ikarus-Presse herausgibt. In der Sammlung der Herzog August Bibliothek ist Pfankuch mit zehn Arbeiten vertreten. Für das Künstlerbuch Wege der Ameise hat er die literarischen Textvorlagen während eines Forschungsaufenthalts an der Herzog August Bibliothek recherchiert.


Der überführte Bücherdieb || HAB

25.03.2021

Der protestantische Theologe, Philologe und Historiker Flacius Illyricus war zweifellos eine der markantesten Gestalten der Reformationszeit. Der 1520 im kroatischen Labin geborene Flacius hatte nach einem altsprachlichen Studium bereits 1544 eine außerordentliche Professur für Hebräisch in Wittenberg erhalten. In den Auseinandersetzungen um die rechte protestantische Lehre, die nach Luthers Tod ausbrachen, vertrat der Gelehrte im Gegensatz zu seinem akademischen Lehrer Philipp Melanchthon häufig extreme Positionen, die er mit unnachgiebiger Härte verteidigte. Daher musste er 1549 Wittenberg verlassen und verlor 1561 auch seinen zweiten Lehrstuhl in Jena. Mit dem Großteil der protestantischen Führungselite zerstritten, verbrachte Flacius den Rest seines Lebens in verschiedenen Städten, darunter Magdeburg und Frankfurt am Main, wo er im März 1575 starb.

Während seine zahlreichen Streitschriften und Werke zur Bibelauslegung allenfalls von historischem Interesse sind, ist seine Bedeutung als Begründer der protestantischen Kirchengeschichte nach wie vor unumstritten. Flacius versuchte zu beweisen, dass die von den römischen Päpsten beherrschte Kirche seit dem Urchristentum in einem unaufhörlichen Niedergang begriffen war, den erst die lutherische Reformation beendet hatte. Deshalb durchsuchte er mit Hilfe eines europaweit tätigen Gelehrtennetzwerkes die Klosterbibliotheken nach passenden Texten, die er in seinem Catalogus testium veritatis (Katalog der Wahrheitszeugen) bekannt machte und für das große Geschichtswerk der Magdeburger Centurien (1559–1574) verwenden ließ. Dabei eilte ihm sein zweifelhafter Ruf als unversöhnlicher Theologe voraus, der auch sein Ansehen als Quellensammler deutlich schmälerte.

Bereits Zeitgenossen war Flacius als Bücherdieb und Bücherfledderer verdächtig, der mit einer Mönchskutte verkleidet in die Klosterbibliotheken geschlichen sei und dort ganze Handschriften entwendet oder mit einem versteckten Messer die ihn interessierenden Teile heimlich herausgeschnitten habe. Diese auch von Herzog Julius kolportierte Geschichte wird in der Forschung kontrovers diskutiert.

Allerdings wurde bisher der methodisch nächstliegende Weg nicht beschritten – nämlich zu prüfen, ob sich unter den fast 1.000 Bänden, Handschriften und Drucken, die 1597 aus dem Flacius-Nachlass in die Wolfenbütteler Hofbibliothek kamen, herausgetrennte oder fragmentarische Stücke befinden. Diese Möglichkeit eröffnen jetzt zwei an der HAB angesiedelte und von der DFG geförderte Projekte: Die seit 2001 laufende Neukatalogisierung der mittelalterlichen Helmstedter Handschriften und die 2020 begonnene Digitalisierung der Codices aus dem Besitz von Flacius.

Bislang sind fast zwei Drittel der flacianischen Handschriften gemäß den Katalogisierungsrichtlinien der DFG neu erschlossen worden – mit einem eindeutigen Ergebnis: Mehrere Bände haben sich als nachträgliche, von Flacius selbst angelegte Synthesen von nicht zusammenpassenden Fragmenten erwiesen, darunter Cod. Guelf. 367 Helmst. mit insgesamt neun Teilen, die aus Nord- und Süddeutschland, Norditalien, Böhmen und Frankreich stammen. Im Nürnberger Schottenkloster St. Ägidien erwarb Flacius 1554 mit Cod. Guelf. 277 Helmst. und 279 Helmst. zwei vollständige Handschriften. Erst jetzt stellte sich heraus, dass er dort aus einem weiteren Codex die Blätter 132–174 herausgetrennt und ebenfalls an sich genommen hatte (Cod. Guelf. 299.1 Helmst., Abb. 1); wo sich die Reste dieses Buches heute befinden, ist unbekannt.

Theodorus de Lellis: Replica contra Gregorium Heimburg. Textbeginn mit der originalen Foliierung aus dem Nürnberger Schottenkloster (139) und der aktuellen Blattzählung (Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 299.1 Helmst., fol. 10r, 1460–1475) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/03/hab-hablog-lesser-buecherdieb-abb-1-theodorus-de-lellis-ausschnitt-3.jpg
Theodorus de Lellis: Replica contra Gregorium Heimburg. Textbeginn mit der originalen Foliierung aus dem Nürnberger Schottenkloster (139) und der aktuellen Blattzählung (Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 299.1 Helmst., fol. 10r, 1460–1475)

In welchem Ausmaß Flacius solche Ausschnitte gesammelt hat, zeigt anschaulich der 1613/14 von Liborius Otho angefertigte Katalog der Wolfenbütteler Hofbibliothek. Darin verzeichnete Otho mehr als 50 Fragmente kirchengeschichtlichen Inhalts, die mit Sicherheit von Flacius stammen. Viele dieser Stücke, zum Beispiel die als Z 81 gekennzeichnete schottische Chronik (Abb. 2), sind jedoch in der HAB nicht mehr auffindbar.

Liborius Otho, Gesamtkatalog der Wolfenbütteler Hofbibliothek, Signaturgruppe PAPALIA MISCELLANEA mit dem Eintrag "Chronicon Galliae et Scoticum … in membranis manuscriptum" unter Nr. Z 81 (Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. A Extrav., p. 303, 1613/1614) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/03/hab-hablog-lesser-buecherdieb-abb-2-liborius-otho-ausschnitt-2.jpg
Liborius Otho, Gesamtkatalog der Wolfenbütteler Hofbibliothek, Signaturgruppe PAPALIA MISCELLANEA mit dem Eintrag "Chronicon Galliae et Scoticum … in membranis manuscriptum" unter Nr. Z 81 (Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. A Extrav., p. 303, 1613/1614)

Recherchen haben ergeben, dass sie mit dem Nachlass des Helmstedter Gelehrten Hermann von der Hardt 1786 in die Markgräflich Badische Hofbibliothek nach Karlsruhe gelangten. Dazu gehört auch die von Otho genannte Chronicle of Holyrood (Karlsruhe, BLB, Cod. K 345), die der Historiker Marcus Wagner 1553 im Auftrag von Flacius in der schottischen Zisterzienserabtei Coupar Angus an sich gebracht hatte – ob mit oder ohne Einverständnis des Vorbesitzers, ist unbekannt.

Die detektivische Kleinarbeit des Erschließungsprojekts hat zahlreiche Beweise erbracht, die Flacius eindeutig als Bücherdieb überführen; dass die Spuren seiner unrühmlichen Tätigkeit in Wolfenbüttel und in Karlsruhe zu finden sind, ist ein weiteres Ergebnis. Schließlich hat sich gezeigt, dass Flacius oder seine Beauftragten auch als ganz offizielle Bibliotheksbenutzer nicht immer legale Wege beschritten haben: Der in Wien aufbewahrte Leihschein für die Handschrift Cod. Guelf 313 Helmst. aus dem Benediktinerkloster Melk in Österreich ist auf den 7. September 1552 datiert und damit längst abgelaufen…

 

#HABewegt


© Abbildung: Bildnis des Matthias Flacius Illyricus. Holzschnitt von Tobias Stimmer und Christoph Murer, nach 1719. Germanisches Nationalmuseum,  Nürnberg. Die Inschrift lautet:

Matthaeus Falicus Illyricus Theol.
cultellus Flacii, Bibliothecis
suspectus ut est Wagenseilii

Ein Sclav geborn von Albon.
viel stritt in Sachen Religion
zuwider Interim, und willensfrey
Erbsünd gefällt mir, waß wesentlich sey

stirbt: 1575

Bücher als Zeugen || HABlog – HAB

14.03.2021

Es war eine internationale Zusammenkunft mit dem sperrigen Titel „Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des Holocaust“, die im Dezember 1998 nach Jahren von Schweigen und stiller Geschäftigkeit den Startpunkt einer intensivierten Suche nach bislang noch unentdecktem NS-Raubgut in Kultureinrichtungen auf der ganzen Welt markierte. In ihrem als „Washingtoner Erklärung“ bekannt gewordenen Abschlusspapier appellierten Vertreter*innen von mehr als 50 Staaten und Nichtregierungsorganisationen an die Verantwortlichen in staatlichen Verwaltungen wie auch in Museen, Archiven und Bibliotheken, ihre Sammlungen und Dokumentenbestände auf etwaige NS-Raubgut-Sachverhalte zu durchleuchten. Wo immer möglich, sollte vonseiten der Institutionen ein fairer und gerechter Ausgleich mit den ursprünglichen Eigentümer*innen oder ihren Nachfahr*innen gesucht werden.

Dieser Anstoß wurde in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit mit großem Engagement aufgenommen. In Anerkennung der besonderen historischen und moralischen Verantwortung von Sammlungsinstitutionen in Deutschland formulierten Bundesregierung, Länder und kommunale Spitzenverbände eine bindende Selbstverpflichtung. Die „Gemeinsame Erklärung zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes“ (1999) konstituiert ein konkretes Bekenntnis, die Erforschung der Herkunft von Sammlungen zu fördern, NS-Raubgut in den eigenen Beständen aufzufinden und dieses zu restituieren. Dieser Aufgabe stellt sich nun auch die HAB.

In der Praxis einer Sammlungseinrichtung bedeutet das intensive Recherchearbeit: Berge von Akten und Korrespondenzen, Zugangsverzeichnisse und nicht zuletzt die Objekte selbst müssen gesichtet und ausgewertet werden. Denn oft geben erst sie selbst wertvolle Informationen über ihre Herkunft und ihr Schicksal während der NS-Zeit preis. Im Fokus der Forschungsaufgabe, der sich die HAB im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts verschrieben hat, stehen die hinsichtlich ihrer jüngeren Provenienzen noch kaum untersuchten antiquarischen Erwerbungen seit den 1960er-Jahren. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist hierbei inzwischen eine lange Besitzhistorie zu überbrücken. Ketten von fünf und mehr Vorbesitzer*innen allein im 20. Jahrhundert sind keine Seltenheit.

Auf die Betroffenen des NS-Kulturgutraubs verweisen in vielen Fällen nur noch kleine Hinweise in den einzelnen Bänden. Diese aufzufinden und mit historischen Personen oder Institutionen in Verbindung zu bringen, ist oft ein Akt von Kombination und Kriminalistik (so der Titel eines Forschungsbeitrags zum Thema von Ragnhild Rabius aus dem Jahr 2004). Denn durch geduldige Erfassungsarbeit und detektivischen Spürsinn können selbst gewaltsam zum Schweigen gebrachte Bücher noch zu Zeugen ihrer Geschichte werden. So etwa im Fall eines Bandes aus der ehemaligen Landesbibliothek Posen, in deren Besitzstempel der belastende Ortsname mit Flüssigkeit und einem scharfen Gegenstand unleserlich gemacht worden war.

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Zerstörter Stempel der ehemaligen Landesbibliothek Posen (in HAB: Xb 7235) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/03/hab-hablog-rueth-buecher-als-zeugen-stempel.jpg
Zerstörter Stempel der ehemaligen Landesbibliothek Posen (in HAB: Xb 7235)

Ihn konnte das Projektteam durch den Abgleich mit zahllosen Stempelproben vergleichbarer Institutionen identifizieren und so den Band zum Sprechen bringen. Noch keine Hinweise gibt es dagegen zu den Eigentümer*innen eines zerstörten Exlibris in einem Band aus dem Jahr 1607 (s. Titelbild).

Licht in diese und ähnliche Zusammenhänge zu bringen, hat sich die HAB für die kommenden zwei Jahre vorgenommen. Ca. 30.000 Bände, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und besonders ab den 1990er-Jahren teils einzeln, teils im Rahmen geschlossener Sammlungen erworben wurden, sollen systematisch erfasst und auf ihre Herkunft und ihren Verbleib während der NS-Zeit hin untersucht werden. Am Ende erhoffen sich die Projektverantwortlichen ein klareres Bild über den antiquarisch erworbenen Bestand der HAB und wertvolle neue Daten für die Provenienzforschung. Identifizierte Fälle von NS-Raubgut sollen öffentlich gemacht und im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten an die ursprünglichen Anspruchsberechtigten restituiert werden.

 

#HABewegt

 


Das zweijährige Projekt NS-Raubgut unter den antiquarischen Erwerbungen der Herzog August Bibliothek seit 1969 wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert. Die Rechercheergebnisse werden im Rahmen des lokalen Bibliothekskatalogs bzw. des Verbundkatalogs sowie – bei erhärtetem NS-Raubgut-Verdacht – in der Objektdatenbank Lost Art und der Forschungsdatenbank Proveana des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste dokumentiert.

Zum Schatz erwählt || HABlog – HAB

03.02.2021

Das Projekt „Weltwissen. Das kosmopolitische Sammlungsinteresse des frühneuzeitlichen Adels" beschäftigt sich mit den fürstlichen Privatsammlungen des 18. Jahrhunderts. Es werden insbesondere Sammelpraktiken sowie das damit einhergehende kulturelle und wissenschaftliche Interesse des fürstlichen Adels in den Blick genommen. Die sogenannten Fürstenbibliotheken kamen nach dem Tod ihrer Besitzer*innen in die Wolfenbütteler Bibliothek, wo sie zunächst als individuelle Sammlungen aufgestellt, später dann aber in den Gesamtbestand integriert wurden. Heute ist die Mehrzahl dieser Bücher Teil der Mittleren Aufstellung der HAB und die historischen Sammlungen sind nicht mehr als solche erkennbar.

Auf Basis bisher unerschlossener Kataloge und Inventare können wir die fürstlichen Privatbibliotheken mit großer Genauigkeit virtuell rekonstruieren und mit Hilfe des Programms LibReTo visualisieren. Ergänzend dazu suchen wir die Originalexemplare im heutigen Bestand der Herzog August Bibliothek, um weitere Provenienzen zu ermitteln und das Bild zu komplettieren. Dabei helfen uns typische äußere Merkmale der Bücher, wie etwa Einbandgestaltung oder die Präsenz von Supralibros, einem Monogramm, das auf ein Buch geprägt wurde und damit den Besitz kennzeichnete.

Supralibros der Herzogin Philippine Charlotte //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/02/hab-hablog-zum-schatz-erwaehlt-supralibros-herzogin-philippine-charlotte-1.jpg
Supralibros der Herzogin Philippine Charlotte

Zusätzlich werden die einzelnen Bücher auf Gebrauchsspuren wie etwa Notizen oder Unterstreichungen untersucht. Die so gewonnenen Erkenntnisse werden mit Hilfe von weiteren Quellen aus den fürstlichen Nachlässen in einen größeren Kontext gesetzt, um schließlich ein genaues Bild der Inhalte der Bibliotheken und der Benutzung der Bücher zu erhalten.

In einem nächsten Schritt können wir die Funktion der Sammlungen für ihre Besitzer*innen untersuchen. Im ersten Jahr des Projekts standen dabei die Bibliotheken von Elisabeth Sophie Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel (1683–1767) und Philippine Charlotte von Braunschweig-Wolfenbüttel (1716–1801) im Fokus. Beide Frauen besaßen umfassende Sammlungen von jeweils mehreren tausend Büchern, die sie bis an ihr Lebensende pflegten und nutzten.

Für die Frauen stand einerseits die persönliche Weiterbildung im Vordergrund, wie durch Briefe, Selbstzeugnisse und handschriftliche Einträge in den Büchern nachvollzogen werden kann. So schrieb Philippine Charlotte etwa an ihren Bruder Friedrich den Großen, dass sie jede Gelegenheit nutze, um sich weiterzubilden und dass ihre Bücher ihr dabei halfen, „ihren Geist nicht einrosten zu lassen“ („je cherche tous les moyens pour m’instruire, c’est l’unique ressource à mon age pour empecher de s’enrouiller l’esprit“).

Sie eigneten sich mit Hilfe ihrer Bücher Wissen an, das ihnen eine Teilhabe am zeitgenössischen kulturellen und wissenschaftlichen Diskurs ermöglichte. Außerdem waren ihre Bibliotheken soziale Räume. Nicht selten empfingen sie hier Gäste, denen sie ihre Sammlungen zeigten und mit denen sie über die neueste Lektüre diskutierten. Besonders die berühmte Bibelsammlung Elisabeth Sophie Maries lockte mit ihren 1200 Exemplaren viele Besucher*innen, darunter namhafte Gelehrte wie etwa Johann Christoph Gottsched oder Johann David Köhler, an. Davon zeugen die über 250 Einträge im Stammbuch der Herzogin, in dem die Gäste sich verewigen durften.

Stammbuch der Herzogin Elisabeth Sophie Marie //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/02/hab-hablog-zum-schatz-erwaehlt-stammbuch-herzogin-elisabeth-sophie-marie.jpg
Stammbuch der Herzogin Elisabeth Sophie Marie

Wenngleich die Sammlung Ausdruck der tiefen Frömmigkeit der Fürstin war, war sie auch ein wesentlicher Beitrag zur Bibelgelehrsamkeit dieser Zeit – ein Aspekt, den es in den kommenden Jahren weiter zu erforschen gilt.

Es blieb aber nicht nur beim Empfangen von Gästen. Die Fürstinnen gestatteten Gelehrten den Gebrauch ihrer Bücher und unterstützen sie finanziell, erhielten im Gegenzug Widmungen und das damit einhergehende soziale Prestige. Elisabeth Sophie Marie förderte etwa über Jahrzehnte hinweg den berühmten Theologen Johann Lorenz von Mosheim, Philippine Charlotte unterstützte mehrere am Braunschweiger Collegium Carolinum tätige Gelehrte. Die Bibliotheken waren damit auch zentral für das kultur- und wissenspolitische Engagement der Fürstinnen.

Schließlich können wir beobachten, wie die Bibliotheken eine wirtschaftliche Funktion erfüllten. Nicht nur akkumulierten die Fürstinnen mit ihren Sammlungen soziales Kapital, sondern auch reale monetäre Werte, die es zu verwalten und zu vermehren galt. Allein schon die hohen Summen, die die Fürstinnen für ihre Bibliotheken ausgaben, zeugen von dem hohen Stellenwert, den die Bücher in ihrem Leben einnahmen. Aus gutem Grund bezeichnete Elisabeth Sophie Marie ihre Sammlung als „Schatz“.

Das Sammeln von Büchern war demnach mehr als nur eine Nebenbeschäftigung. Für die Wolfenbütteler Fürstinnen und Fürsten waren die Bibliotheken ein integraler Teil ihres Alltags: Sie dienten der Herrschaft, waren Orte der Repräsentation, aber eben auch der privaten Weiterbildung und des Vergnügens. In den kommenden Jahren gilt es, eben diese Vielschichtigkeit weiter zu untersuchen, um damit das Sammeln als elementare kulturelle Praxis der Frühen Neuzeit noch besser zu verstehen.

 

#HABewegt #HAB und Gut

 


Das Projekt „Weltwissen. Das kosmopolitische Sammlungsinteresse des frühneuzeitlichen Adels ist eine von zwei Fallstudien, die im Rahmen des Forschungsverbunds MWW an der HAB durchgeführt werden. Beide haben das Ziel, bestandsbezogene Forschung mit Hilfe digitaler Methoden weiterzuentwickeln. Das Projekt Intellektuelle Netzwerke. Frühneuzeitliche Gelehrtenbibliotheken als Wissens- und Kommunikationsräume möchten wir Ihnen in einem unserer nächsten Beiträge vorstellen.