Aus weiblichen Händen || HABlog – HAB

Das von der Polonsky Foundation geförderte Projekt hat zum Ziel, die Sammlungen mittelalterlicher lateinischer und deutscher Handschriften aus hauptsächlich norddeutschen Kloster- und Stiftsbibliotheken für die Forschung und Nachnutzung bereitzustellen. Seit Projektbeginn im Dezember 2018 wurden an der HAB bereits 205 Handschriften digitalisiert und können auf der Homepage des Projekts angesehen werden.

Die Tatsache, dass es sich unter all den hauptsächlich von Männerhand geschriebenen Handschriften in diesem Fall um Bücher von Schreiberinnen handelt, ist lediglich einer von vielen Aspekten, die die Lamspringer Sammlung mit ihren 23 Bänden so außergewöhnlich machen. Zu bieten haben diese mittelalterlichen Werke darüber hinaus eindrucksvollen Buchschmuck, womit sie aus kunsthistorischer Sicht eine überaus reizvolle Gruppe illuminierter Handschriften bilden. Für das Digitalisierungsprojekt wurden 16 Kodizes ausgewählt, die dieser Beitrag in Bezug auf ausgesuchte Merkmale etwas genauer unter die Lupe nimmt. Zwölf davon sind augenblicklich bereits online zu erkunden.

Um 850 von Graf Ricdag und dessen Frau Emhild ursprünglich als Kanonissenstift – ein eher weltliches und damit freieres Modell des Zusammenlebens – im Süden der Diözese Hildesheim gegründet, unterstand das um 1130 zur Benediktinerinnenabtei umgewandelte Kloster nicht nur der geistlichen, sondern auch der wirtschaftlichen und politischen Obhut der Hildesheimer Bischöfe. Es galt im 14. Jahrhundert als eines der wohlhabendsten und bestausgestattetsten Klöster im niedersächsischen Raum. Der Bestand von 23 Handschriften (davon 20 Bände mit theologischen Schriften und drei liturgische Werke) veranschaulicht, dass es sich bei den Schreiberinnen und Illustratorinnen um Ordensschwestern handelte, deren sprachliche und theologische Bildung der von Mönchen aus den bislang besser erforschten männlichen Orden in nichts nachstand. Außerdem wird hier einmal mehr deutlich, dass sowohl die Schreibstube (das sog. Skriptorium, von lat. scribere – schreiben) als auch die Bibliothek, die die entstandenen Werke sammelte, bereitstellte und verwahrte, die Institution Kloster stark prägten und auszeichneten.

Bis zur Entwicklung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts fungierte nicht Papier, sondern das in seiner Beschaffenheit robustere Pergament als Schriftträger. Dessen Herstellung war aufwendig und bedeutete schwere körperliche Anstrengung: Im deutschsprachigen Raum wurden vorwiegend Häute von Kälbern, in wenigen Fällen von Schafen verwendet, die zuerst in Spannrahmen fixiert, abgeschabt und schließlich gekalkt wurden, um ein Verlaufen der Tinte und Farben im Schreibprozess zu verhindern. Die passend zugeschnittenen und gefalteten Pergamentbögen wurden zu Lagen zusammengeheftet, liniert, beschrieben und später zu einem Buch zusammengebunden.

Abb. 1: Ganzseitige Miniatur eines Schreibers an seinem Pult, der seine Schreibfeder schärft, bevor er den Text auf das bereits linierte Doppelblatt kopiert (Cod. Guelf. 1030 Helmst., fol. 1v, 1151–1175) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-1-cod.-guelf.-1030-helmst.-fol.-1v.jpg
Abb. 1: Ganzseitige Miniatur eines Schreibers an seinem Pult, der seine Schreibfeder schärft, bevor er den Text auf das bereits linierte Doppelblatt kopiert (Cod. Guelf. 1030 Helmst., fol. 1v, 1151–1175)

Schreiberin, Rubrikatorin und Illustratorin, also Gestalterin der dekorativen Initialen und allen weiteren Buchschmucks, konnte ein und dieselbe Person sein. Für den Buchschmuck wie Initialen oder Miniaturen ließen die Schreiberinnen beim Übertragen der Textvorlage auf die zusammengehefteten Pergamentlagen etwas Platz, der jedoch nicht selten übersehen wurde und damit leer blieb. Neben mindestens 28 Schreiberinnen, die Kenner*innen für den Zeitraum von 1170 bis 1204 unterscheiden können, sind für das 12. Jahrhundert zwei Schreiberinnen sogar namentlich bekannt: Odelgarde und Ermengarde. Laut eines Kolophons (Schreibervermerk) gab es zudem eine dritte scriptrix (Schreiberin). Stiltechnisch lassen sich ihre Schriften in die Übergangsphase von der (späten) karolingischen zur frühen gotischen Minuskel einordnen, womit das Schriftbild insgesamt kantiger, spitzer und rechteckiger wirkt und sich der Raum zwischen den einzelnen Buchstaben innerhalb eines Wortes merklich verringert.

Mit Blick auf den Buchschmuck lässt sich festhalten, dass die Lamspringer Nonnen sorgfältig und mit einiger Liebe zu ornamentalem Detail arbeiteten. So finden sich in den Pergamentkodizes zahlreiche größere zoomorphe und figurative Initialen, die in (Fantasie-) Tierköpfe, -körper oder florale Elemente auslaufen.

Abb. 2: Zoomorphe S-Initiale zu Beginn der Moralia in Hiob von Papst Gregor dem Großen in Cod. Guelf. 443 Helmst., fol. 2r, 1176–1200 //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-2-cod.-guelf.-443-helmst.-fol.-2r-2.jpg
Abb. 2: Zoomorphe S-Initiale zu Beginn der Moralia in Hiob von Papst Gregor dem Großen in Cod. Guelf. 443 Helmst., fol. 2r, 1176–1200

Die Buchstabenschäfte und –enden der Initialen sind häufig mit Halbpalmetten verziert. Die Abstriche der Q-Initialen bestehen wiederholt aus Körpern von Drachen, die Blattranken speien und/oder deren Schwänze in eben solchen enden, wie es in Cod. Guelf. 510 Helmst., fol. 133r sowie relativ farbenfroh in Cod. Guelf. 443 Helmst., fol. 2r der Fall ist.

Abb. 3: Figurative und zoomorphe Q-Initiale mit Drachenkörper, in der der Heilige Geist acht Heiligen als Taube erscheint (Cod. Guelf. 510 Helmst., fol. 133r, 1151–1175) //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-3-cod.-guelf.-510-helmst.-fol.-133r.jpg
Abb. 3: Figurative und zoomorphe Q-Initiale mit Drachenkörper, in der der Heilige Geist acht Heiligen als Taube erscheint (Cod. Guelf. 510 Helmst., fol. 133r, 1151–1175)

Rot, Grün und Blau sind die vorwiegend verwendeten Farben, wie es ebenfalls in der figürlichen Darstellung des heiligen Augustinus (354–430) zu sehen ist (Abb. 4): Ausgestattet mit Mitra und Bischofsstab auf einer Art Thron sitzend präsentiert er der Leserschaft eine aufgeschlagene Doppelseite (lat. bifolium) mit den Worten Pater noster – dem Vaterunser. Sowohl das Ornat des Kirchenvaters als auch der Vorhang, vor dem er sitzt, sind mit einem Faltenwurf ausgestaltet, letzterer ist sogar zudem mit einem roten Dreipunktmuster versehen.

Abb. 4: Augustinus thront in der Q-Initiale mit dem aufgeschlagenen lateinischen Vaterunser (Cod. Guelf. 204 Helmst., fol. 3v, 1176–1200) Fotografie von Dr. Stefanie Westphal //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-4-cod.-guelf.-204-helmst.-fol.-3v.jpg
Abb. 4: Augustinus thront in der Q-Initiale mit dem aufgeschlagenen lateinischen Vaterunser (Cod. Guelf. 204 Helmst., fol. 3v, 1176–1200) Fotografie von Dr. Stefanie Westphal

Daran erinnert die Darstellung Papst Gregors (540–604) im Bogen der P-Initiale (Abb. 5), die der des Augustinus stilistisch und farblich sehr ähnelt und womöglich von derselben Illustratorin ausgestaltet wurde. Auch der Text könnte dem Schriftbild nach zu urteilen von derselben Schreiberin stammen, wie wir sie in 204 Helmst. vor Augen haben.

Abb. 5: Der Heilige Geist inspiriert Papst Gregor I. in Gestalt einer Taube (903 Helmst., fol. 75v, Beginn 4. Viertel 12. Jh.) Fotografie von Dr. Stefanie Westphal //www.hab.de/wp-content/uploads/2021/01/hab-hablog-aus-weiblichen-haenden-abb-5-cod.-guelf.-903-helmst.-fol.-75v.jpg
Abb. 5: Der Heilige Geist inspiriert Papst Gregor I. in Gestalt einer Taube (903 Helmst., fol. 75v, Beginn 4. Viertel 12. Jh.) Fotografie von Dr. Stefanie Westphal

Es ist festzuhalten, dass das hochmittelalterliche Benediktinerinnenkloster in Lamspringe über ein ausgesprochen kreatives Skriptorium verfügte. Im Zuge der Reformation wurden die Klöster und deren Bibliotheken aufgelöst, und oft bleibt ungewiss, welchen Weg die Bücher einschlugen. Im Fall des Lamspringer Handschriftencorpus sorgte Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg im Jahr 1572 dafür, dass die 23 Handschriften Teil seiner Sammlung in der Wolfenbütteler Residenz wurden. Damit sind sie uns noch heute erhalten, um sie weiter zu erforschen.

 

#HABewegt  #HAB und Gut

 


Wenn Sie mehr zum Thema erfahren möchten:

Die Buchmalerei der Lamspringer Nonnen wird derzeit in einem Katalogisierungsprojekt zu den illuminierten Handschriften der Herzog August Bibliothek von Dr. Stefanie Westphal erschlossen.

Weiterführende Literatur:

  • Helmar Härtel (Hrsg.), Geschrieben und gemalt. Gelehrte Bücher aus Frauenhand: Eine Klosterbibliothek sächsischer Benediktinerinnen des 12. Jahrhunderts (Wolfenbütteler Ausstellungskatalog 86), Wolfenbüttel 2006.
  • —, „Gelehrte Bräute Christi. Zur Umstrukturierung der Frauenklöster im Hochmittelalter: Ein neues Ideal geistig-geistlichen Lebens,“ in: Die gelehrten Bräute Christi. Geistesleben und Bücher der Nonnen im Mittelalter, hrsg. von Helwig Schmidt-Glintzer (Wolfenbütteler Hefte 22), Wiesbaden 2008, 7–13.

 

Weitere Blogbeiträge zum Projekt „Handschriften aus dem deutschen Sprachraum“ sowie zur Erstellung mittelalterlicher Handschriften:


Das Curriculum an einer frühneuzeitlichen Universität || HABlog – HAB

Der Segen der Rechenschaft

Für die Academia Julia (1576‒1810) in Helmstedt, die Landesuniversität des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg, sind uns Rechenschaftsberichte von Professoren in vielfacher Form und sehr großer Dichte für einen Zeitraum von nicht weniger als 100 Jahren (ca. 1650 ‒ ca.1750) in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und im Niedersächsischen Landesarchiv Wolfenbüttel überliefert. Diese handschriftlichen und lateinischsprachigen Zettel, auch ‚Monatszettel‘ genannt, bilden heute so wertvolle Quellen, weil sie sich mitunter umfassend in Serie, d.h. von Woche zu Woche, Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr, ja sogar von Dekade zu Dekade, relativ geschlossen auswerten lassen.

Dabei wurde ein eigentlich offensichtlicher Quellenwert bislang nur wenig beachtet: die Möglichkeit, mit Hilfe ihrer Auswertung universitäre Lehrinhalte ganzer Semester rekonstruieren zu können. Ins nähere Interesse rücken dabei diejenigen Professoren, die besonders gewissenhaft Rechenschaft über ihre Lehrveranstaltungen abgelegt haben. Wir erhalten durch sie Antworten auf viele Fragen, etwa nach Kontinuität und Wandel bestimmter Lehrinhalte sowie nach deren Gewichtung und Schwerpunkte an einer frühneuzeitlichen Universität.

 

Ein kurzes Semester Philosophiegeschichte in Helmstedt: Februar ‒ April 1688

Wie viel wurde also an der Universität Helmstedt in einem Semester unterrichtet? Wie viel Zeit entfiel auf diese oder jene Themen und Inhalte? Und was sagt uns das über die Ausrichtung der universitären Lehre und der ihr zugrundeliegenden Lehrdoktrinen? Sehr aufschlussreich für diese und weitere Fragen sind die Rechenschaftsberichte des Helmstedter Philosophie- und späteren Theologieprofessors Johann Barthold Niemeier (1644‒1708), der mehr als 30 Jahre durchgehend in Helmstedt unterrichtet hat. Niemeier notierte seit dem Wintersemester 1680/81 seine Berichte nicht mehr im üblichen Kurztextformat, sondern listete alle Unterrichtstage einzeln tabellarisch auf und machte Angaben zu den jeweils pro Tag unterrichteten Lehrgegenständen. Auch wenn uns dies de facto keinen vollständigen Semesterplan eines frühneuzeitlichen Professors liefert, so erhalten wir durch tabellarische Rechenschaftsberichte solcher Art doch am ehesten verlässliche Informationen über die von den jeweiligen Professoren angestrebte inhaltliche Konzeption ihrer Lehre.

Besonders erhellend ist hier die von Niemeier in der ersten Jahreshälfte 1688 gehaltene Vorlesung über die Geschichte der Philosophie. Wie der Aufbau der Lehrveranstaltung zeigt, orientierte er sich dabei an einem zeitgenössischen Geschichtsmodell, das die biblisch-heilsgeschichtliche Chronologie zur Grundlage der Menschheits- und Philosophiegeschichte machte: Für einen lutherischen Gelehrten wie Niemeier leitete sich die Philosophie demzufolge von Gott her und Adam – als erster Mensch – sowie dessen Nachfahren bis Noah waren zugleich auch die ersten Philosophen gewesen. Weitere biblische und antike Völker, wie die Babylonier, Kanaaniter, Ägypter, Kelten oder Skythen folgten und hatten, wie der Professor fast den gesamtem Februar zu dozieren weiß, allesamt ihre Philosophien vorzuweisen.

Danach folgt der größte Teil der Vorlesung: die Philosophien der Griechen und ihr Nachwirken. Die Vorsokratiker, samt Sokrates, werden in einem halben Monat absolviert (01.‒15. März). Auf Platon und die Geschichte der auf ihn gründenden Akademie entfallen immerhin sechs Sitzungen (16.‒26. März). Wie die Eintragung vom 23. März zeigt, war Niemeier dabei durchaus bewusst, dass die platonische Philosophie im Laufe der Zeit, insbesondere in der sogenannten Neueren Akademie, Änderungen, ja Verfälschungen, zum Opfer gefallen war: nova Academia a Platonis dogmatibus deflexerit. Zu solchen Eintragungen hätten wir oft gerne mehr Details. Häufig ergibt sich ein tieferer Einblick aber durch die thematisch korrelierenden und im betreffenden Semester abgehaltenen Disputationen, die die Professoren von Semester zu Semester durch Studenten verteidigen und anschließend im Druck publizieren ließen.

Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel: 37 Alt Nr. 2518 fol. 94 //www.hab.de/wp-content/uploads/2020/11/hab-hablog-curriculum-niedersaechsisches-landesarchiv-abteilung-wolfenbuettel-37-alt-nr.-2518-fol.-94-1.jpg
Niedersächsisches Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel: 37 Alt Nr. 2518 fol. 94

Nach Platon kommt Niemeier schließlich zum wahren Kern seiner Vorlesung: die aristotelische Philosophie und die auf sie gründende peripatetische Schule (Philosophia Peripatetica/schola Peripatetica). Nicht weniger als 13 Sitzungen (also mehr als das Doppelte wie für die platonische Tradition und mindestens genauso viel wie für die Philosophie von Adam bis zu den Griechen!) wendet Niemeier ausschließlich für Aristoteles und dessen Tradition auf. Davon entfallen drei Sitzungen allein auf die Vorzüge der aristotelischen Philosophie. Im April folgen zwei allgemeine Sitzungen zur Kritik an Aristoteles. Danach behandelt Niemeier ausgiebiger die Rezeptionsgeschichte der aristotelisch-peripatetischen Philosophie, die ihn in drei Phasen zunächst über ihre antiken Kommentatoren wie Andronikos Rhodios, die mittelalterliche Scholastik und schließlich zu ihrer Renaissance im Reformationszeitalter führt (19.‒23. April). Der Rest der Rezeptionsgeschichte ist wiederum den Feinden und Kritikern der peripatetischen Schule gewidmet: In jedoch gerade einmal drei Sitzungen (24.‒26. April) werden die bedeutenden philosophischen Gegenentwürfe eines Ramé und Gassendi (die sich eine Sitzung teilen) sowie eines Descartes vergleichsweise rasch abgefertigt, was kaum der Bedeutung gerecht wird, die ihre philosophischen Schriften am Ende des 17. Jahrhundert auch für den gelehrten Universitätsdiskurs gehabt hatten. Der Rest des Aprils entfällt auf Einzelsitzungen zu den übriggebliebenen griechischen Philosophenschulen, wie der Kyniker, Stoiker und Epikureer. Bei all dem bemerken wir ein Übergewicht der alten, vornehmlich antiken Philosophie. Die neueren Philosophien, wie sie im 16. und 17. Jahrhundert aufkamen, wurden dagegen ungleich weniger komplex thematisiert und immer wieder vor der Kontrastfolie der aristotelischen Philosophietradition bewertet.

 

Niedersächsisches-Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel: 37 Alt Nr. 2518 fol. 95 //www.hab.de/wp-content/uploads/2020/11/hab-hablog-curriculum-niedersaechsisches-landesarchiv-abteilung-wolfenbuettel-37-alt-nr.-2518-fol.-95.jpg
Niedersächsisches-Landesarchiv, Abteilung Wolfenbüttel: 37 Alt Nr. 2518 fol. 95

 

Der Fluch der Tradition

Rechenschaftsberichte wie die von Johann Barthold Niemeier zeigen uns, wie einflussreich die Lehrdoktrin der aristotelisch-peripatetischen Philosophie an frühneuzeitlichen Universitäten wie Helmstedt auch gegen Ende des 17. Jahrhunderts noch war. Nicht von ungefähr wurde in der philosophischen Fakultät nahezu jeder essentielle Teil der universitären Lehre, wie etwa Logik, Ethik, Rhetorik, Physik oder Metaphysik, durch die Behandlung der dafür einschlägigen Werke des so reichhaltigen aristotelisch-peripatetischen Œuvres abgedeckt. Die Lehre hatte den Universitätsstatuten sowie den akademischen Rezessverordnungen zu genügen und die Professoren hatten darüber vierteljährig vor dem Dekanat und den Fürsten Rechenschaft abzulegen. Die Vermittlung neuerer, zeitgenössischer Philosophien hingegen, die nicht explizit vorgeschrieben waren, fand de facto vielfach nur punktuell statt, obwohl sie von vielen Professoren immer wieder gefordert und in den Dissertationen auch oftmals umgesetzt wurde. Wie die Mehrzahl der Rechenschaftsberichte zeigt, blieben die neueren Philosophien im Helmstedter Curriculum lange Zeit jedoch eine Marginalie. Dies folgte einer durchaus strukturkonservativen Logik: Zu einer adäquaten Bewertung und – wenn überhaupt – eingehenderen Beschäftigung mit den neueren Philosophien konnte man nur gelangen, wenn man seinen Aristoteles in- und auswendig beherrschte. Erst nach 1700 sollte sich dieses Diktum zunehmend lockern und den neueren Philosophien im Curriculum – neben der aristotelisch-peripatetischen Philosophie – ein größerer Platz zukommen.

 

 

Information! Alle Abbildungen in diesem Beitrag stammen aus dem Niedersächsischen Landesarchiv – Abteilung Wolfenbüttel und sind unter der folgenden Archivalienverzeichnung verortet: https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v5597662

„Der Wilde Mann von Wolfenbüttel“ || HABlog – HAB

Sogenannte wilde Menschen begegnen bereits im Altertum. So tritt uns mit der Figur des Enkidu im Gilgamesch-Epos eine frühe Ausprägung entgegen.

Das Alte Testament bietet mit König Nebukadnezar ein weiteres Beispiel: Er wurde im Wahn aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen, fraß Gras wie die Rinder, sein Haar wuchs wie Adlerfedern und seine Nägel wurden zu Vogelklauen. Es handelt sich hier um das Bild des zivilisierten Menschen, der dem Wahnsinn verfällt und sich zeitweise in einen „Wilden“ verwandelt.

In der mittelalterlichen Literatur kommt bei Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue ein „Wilder Mann“ in den Iwein-Dichtungen vor. In der Kunst wird er meist nackt, mit wildem, üppigen Haarschopf und einer Keule abgebildet. Er stellt einen Gegenentwurf zum höfischen Ritter dar, wobei er sich einer Zuordnung zu „Gut und Böse“, „Freund oder Feind“ entzieht. Iwein selbst bietet, als er die Gunst seiner Dame verliert, ein weiteres Beispiel à la Nebukadnezar: Er verfällt dem Wahn, tobt und lebt zeitweise nackt im Wald.

Die Beispiele ließen sich leicht vermehren. Auch in Neuzeit und Moderne übt das Motiv große Faszination aus. Belege reichen von Shakespeare über Grimmelshausen, den Brüdern Grimm bis zu Goethe, der im Faust unter anderem sagt: Die wilden Männer sind s’ genannt / am Harzgebirge wohlbekannt. Angesichts des Wolfenbütteler Beispiels ist der Bezug zum Harz von Interesse. Zu den „wilden Männern“ kommen Beispiele für „wilde Frauen“. Das Thema verdiente eine eigene Würdigung, die hier bedauerlicherweise unterbleiben muss.

Doch nun zum „Wilden Mann von Wolfenbüttel“: Es handelt sich um einen mit dem Monogramm „B.W.“ signierten Text, als dessen Autor Burkard Waldis (um 1490–1556) ermittelt wurde. Waldis wurde mehrfach von katholischer wie protestantischer Seite verhaftet, gefoltert und wieder frei gelassen. Nach seiner Konversion zum Protestantismus arbeitete er als Zinngießer, Münzgutachter und verfasste eine Abhandlung über Münzen. In der Fastnachtszeit 1527 wurde seine Parabel „Vom verloren Sohn“ zum ersten Mal aufgeführt. 1541/42 studierte er Theologie in Wittenberg und hörte Vorlesungen von Martin Luther. Danach wirkte er als Feldprediger Landgraf Philipps im Schmalkaldischen Krieg. Waldis hat außerdem weitere literarische Werke verfasst, darunter drei andere Schmähschriften, die den Streit zwischen Schmalkaldischem Bund, den Protestanten, und der katholischen Seite, in den Jahren um 1540 begleiten.

Von dem Text „Der Wilde Man von Wolfenbuttel“ existieren zwei verschiedene Drucke, die 1542 erschienen sind. Von diesen wird der eine der Marburger Werkstatt Egenolff zugeschrieben, der andere der Straßburger Offizin Frölich. Die folgenden Aussagen beziehen sich auf die Marburger Ausgabe. Auf der Titelseite mit der Aufschrift „Der Wilde Man von Wolfenbuttel“ folgt ein lateinisches Motto, das den Prophezeiungen Jeremias entlehnt ist: Maledictus homo, qui confidit in homine,& ponit carnem brachium suum (nach Luther: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt, und hält Fleisch für seinen Arm.). Es folgen fünf lateinische Distichen, die wohl Exzerpte einer Elegie von Christophorus Copehenus Erfurdianus darstellen. Der eigentliche Text folgt auf zwölf Seiten in 425 Reimpaaren. Friedrich Koldewey beschreibt den Stil „dieser gesalzenen Satiren“ in seiner Ausgabe von 1883 wie folgt: „Die Verse fließen leicht und gefällig dahin, der Ton der Polemik ist kräftig und derb, wie ihn der Geschmack der Zeit mit sich brachte, entbehrt aber … nicht einer massvollen Würde.“

Wer sich den Text genauer ansieht, stellt fest, dass es bis Vers 251 dauert, dass der „Wilde Mann“ zum ersten Mal erwähnt wird. Modern übersetzt heißt es dort etwa: Das ist der grausame Wilde Mann, / der sich so sehr hervorgetan, / dass ich seine Taten und männliche Kraft, / seine großen Siege und Ritterschaft / und seinen Triumph hier erwähnen muss. / Der sich sogar dem Teufel verschrieb / und sich so sehr überhob, / dass er Gott und den Heiligen trotzte, / sich unterstand zu fressen, was immer sich nur in deutschen Landen regte. / Er war ein Scharrhans und Eisenfresser, / ein Lästerer und Gottvergesser / ein Gottloser und Gottesverführer, / ein Verflucher von Gottes Wort und Wahrheit, / ein Schänder und Menschenverächter, / ein Mortbrenner und ein Blutvergießer (…). Und so weiter. Nun muss man sich weitere 28 Verse gedulden, bis „der Wilde“ genauer benannt wird: Das war der Welf von Wolfenbüttel: / Jetzt ist er nur ein Aschenprüttel (ein frühes Beispiel für die Erwähnung diese aus dem Märchen bekannten Begriffs).

Spätestens da war wohl für die meisten Zeitgenossen klar, dass mit „Welf von Wolfenbüttel“ Herzog Heinrich der Jüngere (1489–1568) gemeint war, auch wenn der Name nicht explizit fällt. Heinrich war der letzte katholische Herzog von Braunschweig-Lüneburg. Er widersetzte sich Bestrebungen, die Reformation einzuführen und war ein Hauptmann des katholischen Nürnberger Bundes. 1542 eroberten protestantische Truppen Heinrichs Herzogtum. Seine Niederlage und Inhaftierung waren die Folie für Burkard Waldis Streitgedicht.
Taler Herzog Heinrichs von 1549 mit der Darstellung eines Wilden Mannes https://www.hab.de/wp-content/uploads/2020/10/hab-hablog-der-wilde-mann-von-wolfenbuettel-muenze-1-415x400.jpg
Taler Herzog Heinrichs von 1549 mit der Darstellung eines Wilden Mannes

Doch woher kam die Idee, Heinrich als „Wilden Mann“ zu bezeichnen? Wie von anderer Seite bereits nachgewiesen, ist Heinrich daran nicht ganz unschuldig: Er verwendete den Ausdruck selbst in seinen Briefen und ließ seit 1539 Münzen mit dem Bild eines „Wilden Mannes“ prägen. Das Silber dafür stammte aus dem Harz, etwa aus der Grube Wildermann.

Die Münzen waren so weit verbreitet, dass es vielen in den Sinn gekommen sein wird, den unter Protestanten verhassten Herzog mit dem „Wilden Mann“ zu identifizieren. Der ambivalenten Figur des „Wilden Mannes“ wird diese Gleichsetzung allerdings ebenso wenig gerecht wie dem viel gescholtenen Herzog.

 

Bücher als Speicher von Artenvielfalt || HABlog – HAB

Sie zählen heute zu den unverzichtbaren Zeugnissen der historischen Flora einzelner geographischer Räume. Vor einigen Monaten konnte die Bibliothek aus Sondermitteln des Landes Niedersachsen ein Herbarium mit rund 1.300 Pflanzenexemplaren erwerben, das die Flora des Weserberglands und der Gegend um Braunschweig und Celle im frühen 18. Jahrhundert dokumentiert.

Warum erwirbt eine Bibliothek mit historischen Beständen eine solche Sammlung getrockneter Pflanzen? Die Bibliothek wurde auf dieses antiquarische Angebot deshalb aufmerksam, weil die konservierten Pflanzen in Büchern aufbewahrt werden. Während es seit dem 19. Jahrhundert gängig ist, die Fundstücke auf losen Blättern oder in Umschlägen jeweils separat zu archivieren, nutzten die Sammler und Sammlerinnen früherer Zeiten die physische Form des gebundenen Buches, indem sie die getrockneten Objekte auf den leeren Seiten fixierten. Das norddeutsche Herbarium besteht aus drei Bänden mit zusammen mehr als 560 Seiten.

Getrocknete Pflanzen in Büchern zu sammeln, folgt einer langen Tradition, die, soweit uns die ältesten erhaltenen Objekte unterrichten, in der Renaissance begann. Mit der Wiederentdeckung, Übersetzung und Neukommentierung des antiken Wissens im Renaissance-Humanismus und mit den beginnenden Forschungsreisen in alle Welt nahm die Kenntnis von Pflanzenarten stark zu. Diese Akkumulation alten und neuen Wissens stärkte den Wunsch nach einer persönlichen Überprüfung anhand eigener Anschauung − die „Autopsia“ wurde in dieser Zeit zu einem wichtigen epistemischen Leitbegriff. Bei ihren persönlichen Streifzügen durch die Natur entnahmen die Pflanzensammler häufig einzelne Fundstücke, die sie später abzeichneten und auch zu konservieren versuchten. Dies diente in erster Linie dem Austausch mit anderen Kräuterkundigen. Dabei stand nicht ein ureigenes botanisches Fachinteresse im Vordergrund, sondern vor allem ein medizinisch-heilkundliches. Die Medizin stützte sich in dieser Zeit grundsätzlich auf pflanzliche Heilmittel und das Bestimmen und Wiedererkennen von bestimmten Arten war für die Behandlung von Krankheiten entscheidend.

Bücher könnten schon beim Pressen der Pflanzen eine Rolle gespielt haben – der genaue Weg der realen Pflanzen ins Buch lässt sich in allen Einzelheiten nicht mehr nachzeichnen. Man kann aber sagen, dass dabei die Materialität des Buches eine nicht unwichtige Rolle gespielt hat: denn erst mit der Herstellung von Papier in Europa im 13./14. Jahrhundert waren die Buchseiten wirklich zum Pflanzenpressen geeignet. Das ältere Beschreibmaterial Pergament nimmt die Feuchtigkeit, die Pflanzen beim Pressen abgeben, nur sehr ungenügend auf und Bücher hätten sich somit zur Konservation als ungeeignet erwiesen.

Die ältesten Buchherbarien, die heute noch erhalten sind, stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die Herzog August Bibliothek besitzt ein Herbarium aus dieser Zeit. Der spätere Wolfenbütteler Hofarzt Johann Gagelmann hatte es um 1570 während seines Medizinstudiums an der Universität Padua gestaltet. Darüber hinaus befindet sich im Bestand auch ein 15-bändiges Herbarium eines anderen lokalen Sammlers, das die sibirische Flora des 18. Jahrhunderts dokumentiert. Die nun aus dem Handel angekauften Bände stellen diesen Buchherbarien auswärtiger Flora so authentisch wie möglich die historische Flora Norddeutschlands zur Seite.

Seine Herkunft und Sammlungsgeschichte muss in den Einzelheiten noch erforscht werden: Wir wissen bislang nur, dass ein Pflanzensammler namens A. Rupert zwei der drei Bände seit dem Jahr 1699 an den genannten Fundorten zusammenstellte. Ein zweiter, bislang nicht namentlich bekannter Botaniker scheint die Bände im Laufe des 18. Jahrhunderts in seinem Besitz gehabt zu haben und führte das Herbarium mit eigenen Funden in einem dritten Band fort. Im frühen 19. Jahrhundert gelangte der komplette Bestand nach England und fand im Jahr 1907 in einer Ausstellung der traditionsreichen Londoner Linnean Society sogar größere öffentliche Aufmerksamkeit. Einer der letzten Besitzer der Herbarbände war Stephan Keynes – ein Urenkel Charles Darwins. Über ein gezieltes Angebot aus dem englischen Antiquariatshandel kamen die Bände nun wieder nach Niedersachsen.

Diese historischen Pflanzenbestände sind von großer Bedeutung für die moderne Biodiversitätsforschung: über die Bestimmung des Artenbestands lassen sich Änderungen im Artenaufkommen und Verschiebungen der Verbreitungsgebiete einzelner Spezies seit dem frühen 18. Jahrhundert feststellen. Dazu werden heute auch mikrobiologische Methoden herangezogen, d.h. man versucht den genetischen Code der konservierten Pflanzen zu entschlüsseln, um auf diese Weise die Eigenschaften und Merkmale der Arten und Varietäten genauer zu erkennen - in gewisser Weise werden die Jahrhunderte alten Pflanzen also wieder zum Leben erweckt.

Aber Buchherbarien erweisen sich auch als höchst interessante Anschauungsobjekte der Sammlungs- und Erschließungspraktiken in den historischen Naturwissenschaften und sie offenbaren die Ratio dahinter – das Staunen über die lebendige Welt im Spektakulären wie im Unscheinbaren.

#HAB und Gut