Theatrum Mundi: Leibniz‘ Geister || HABlog – HAB

16. Februar 2024

In der für ihn charakteristischen Ästhetik widmet sich Kai Pfankuch auf 144 Buchseiten Themen wie Bewegung, Anatomie, Medizin, Maschinen, Mathematik, Kombinatorik, Unendlichkeit, Zeichen, Schauspiel, Schaulust, Alchemie, Mystik, Mensch, Natur und Herrschaft. Verbunden und durchgängig begleitet werden diese Themen durch den französischen Text der Monadologie, der Einteilung der Welt in einzelne Einheiten, von Gottfried Wilhelm Leibniz. Die Tiefe der zusammengetragenen Inhalte und der dargestellten Motive in „Theatrum Mundi“ erschließt sich erst beim genauen Hinsehen. Wir haben nicht nur hingeschaut, sondern auch nachgefragt:

 

HAB: Wie entstand die Idee zum Buch und wann ist Ihnen das Thema Leibniz begegnet?

Kai Pfankuch: Ein Freund bat mich, seine wissenschaftliche Arbeit über den Naturbegriff in der Philosophie von der Antike bis in die Gegenwart zu lesen. Dies weckte mein Interesse an diesem Thema für ein neues Künstlerbuch. Die Zeit des Barock sparte er aus, was mich neugierig auf die entsprechenden Anschauungen dieser Epoche machte. Bei Leibniz fand ich in seiner Monadologie einen klar umrissenen und für seine Zeit fortschrittlichen Naturbegriff. Leibniz, den ich vorher in erster Linie als Mathematiker und weniger als Philosoph wahrgenommen hatte, faszinierte mich, sodass ich beschloss, von ihm auszugehen. Die weiteren Recherchen führten mich nach Wolfenbüttel, wo ich eine große Fülle von Material zusammentragen konnte.

 

HAB: Was hat Sie bei Ihrer umfangreichen Recherche zum 17. Jahrhundert am meisten überrascht, was war die spannendste Erkenntnis?

Kai Pfankuch: Vor allem hat mich die ungeheure Vielfalt wissenschaftlicher und technischer Erkenntnisse des Zeitalters des Barock überrascht, das ich bislang eher mit überbordendem Dekor assoziiert hatte. Im Bereich der Medizin und Anatomie faszinierte mich die fast manische Besessenheit, dem Geheimnis des Lebens, dem Zusammenhang von Körper und Geist und dem schwer zu fassenden Begriff der Seele auf die Spur zu kommen. Leibniz ist dabei der erste, der den Tieren eine Seele zuspricht, selbst den kleinsten wie der Fliege, die er als Beispiel für die unendliche Komplexität der Natur anführt. Der Unendlichkeitsbegriff, mathematisch wie philosophisch, nimmt in meinem Leibniz-Buch auch einen größeren Raum ein. Weiteres Faszinosum waren die bis dahin mir unbekannten barocken Maschinenbücher von Besson, de Caus, Ramellis und Leupold, die für das Künstlerbuch eine wichtige Inspirationsquelle darstellten. Spannend war ebenfalls, nach Weiterentwicklungen und Analogien der jeweiligen barocken Themen in den Folgezeiten zu suchen und sie aufzunehmen. Das Buch mündet in die symbolische Darstellung digitaler Herrschaft, zu der Leibniz mit der Einführung des binären Systems und der Infinitesimalrechnung einen wichtigen Beitrag geliefert hat.

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Doppelseite 68 aus „Theatrum mundi: Leibniz‘ Geister“ von Kai Pfankuch

HAB: Die Idee der Wunderkammer diente Ihnen als Basisidee für das Buch. Können Sie das näher erläutern? Auch das Verfahren der Allegorie bezeichnen Sie als grundlegend für das Buch. Was hat es damit auf sich?

Kai Pfankuch: Eine äußerst große Fülle gesammelten Materials verlangt eine schlüssige und bündige Organisation, die über eine bloße Aneinanderreihung hinausreicht. In diesem Fall bot sich Leibniz‘ Idee einer Wunderkammer der Kunst und der Natur als roter Faden und Klammer an. Dieses Museum sollte seine Vorstellung einer prästabilierten Harmonie anschaulich machen und Erkenntnisse vermitteln. So mutet das Buch wie ein Gang durch ein Museum an. Die Allegorie ist nicht nur eine Personifizierung abstrakter Begriffe, sondern darüber hinaus durch eine bestimmte Kombination von Zeichen und Dingen mit Verweischarakter die Generierung eines Sinnes, die einem verdeckten Text folgt. Die Allegorie ist somit Stückwerk, deren Bedeutung den einzelnen Teilen nicht zukommt. Analog hierzu verfahre ich in meinen Büchern mit der Intention, aus der spezifischen Zusammenstellung von Materialien im besten Fall neue Perspektiven zu eröffnen. Darüber hinaus füge ich allegorische Zeichnungen ein, wie zum Beispiel die durch das geschlossene Fenster nach dem vorbeifliegenden Vogel greifende Hand: eine Versinnbildlichung der obsessiven Suche nach dem Sitz des Lebens bei den barocken Anatomen und Medizinern.

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Doppelseite 46 aus „Theatrum mundi: Leibniz‘ Geister“ von Kai Pfankuch

HAB: Das Buch hat 144 Seiten, bestehend aus 12 Buchlagen, die jeweils unterschiedlichen Begriffen und Themen gewidmet sind. Was gibt da die Buchstruktur vor – der formale Aufbau oder der Inhalt? Wie ist Ihre Vorgehensweise bei der Auswahl des Materials und dessen Anordnung?

Kai Pfankuch: Die Anordnung der verschiedenen Themen und Begriffe folgt deren innerem Zusammenhang. Beginnend mit einem zentralen Gegenstand philosophischen Interesses des Barock, der Bewegung, die nach ihren inhaltlichen Aspekten aufgeschlüsselt wird, ergibt sich so eine assoziative Kette ausgewählter Bereiche. Jeder Bereich enthält im Ansatz schon den folgenden, wodurch sich fließende Übergänge und keine harten Zäsuren ergeben.
Die Auswahl des im Einzelnen zugeordneten Materials richtet sich im Wesentlichen nach dem Bestreben, ein möglichst dichtes atmosphärisches Bild des jeweiligen Themas zu erzielen.

 

HAB: Eine kleine, und doch sehr auffällige Besonderheit in diesem Buch sind die Vignetten, die Ausstanzungen aus dem Sternenhimmel zeigen. Was steckt dahinter? Darüber hinaus hat auch das binäre System eine wichtige Bedeutung – sowohl für Leibniz als auch für Sie – Sie nutzen es sogar zur Darstellung der Seitenzahlen. Können Sie das näher erläutern?

Kai Pfankuch: Die Vignetten sind vom in der Monadologie wiederholt gebrauchten Begriff der Entelechie geprägt, einem Synonym der Monade göttlichen Ursprungs, der alles entspringt. Die Entelechie ist die Form, die sich im Stofflichen realisiert. In den Vignetten öffnet sich so der Blick durch Ausschnitte von Formen des Lebendigen hindurch auf den Sternenhimmel als Sinnbild eines universellen Prinzips. Soweit möglich beziehen sich die Motive direkt auf den durchgehenden Text von Leibniz.
Da Leibniz das binäre System eingeführt hat, war es naheliegend, es für die Darstellung der Seitenziffern zu benutzen. Als Anspielung auf das in der Monadologie häufig betonte Göttliche habe ich die Nullen und Einsen nicht in Reihe geschrieben, sondern sie in Dreiecksform gebracht.

HAB: Sie sagen, der Mensch bilde in der digitalen Welt eine Leerstelle. Können Sie das weiter ausführen? Wie hängt das mit den Schriften Leibniz' zusammen? Geben diese für Sie noch wichtige Denkimpulse für die moderne Gesellschaft?

Kai Pfankuch: Bei dieser Aussage handelt es sich um den vorläufigen Ausdruck eines kulturellen Unbehagens gegenüber einer möglichen 'toten' Evolution von intelligenten Maschinen. Ihr seelenloses Wesen beruht auf unzähligen, sich selbst generierenden Rechen-Algorithmen. Bei der hochentwickelten KI handelt es sich um ein emergentes System, dessen Ergebnisse sich nicht genau vorhersagen lassen. Somit entsteht das Paradox der Verlustkontrolle in der Absicht des Menschen, mit der Maschine völlige Kontrolle auszuüben.

Leibniz' Vorstellung einer prästabilierten Harmonie [einer vorherbestimmten Einheit], die von Voltaire angesichts allen Übels in der Welt in seiner Candide spöttisch aufgegriffen wird, enthält aber durchaus einen Denkimpuls für unsere Zeit, die zerstörerisch mit den natürlichen Ressourcen umgeht. Eben zu begreifen, wie alles Lebendige miteinander zusammenhängt und damit die empfindlichen Regelkreise der Natur nicht unwiderruflich zu stören.

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Doppelseite 40 aus „Theatrum mundi: Leibniz‘ Geister“ von Kai Pfankuch

Titelbild: Doppelseite 2 aus „Theatrum mundi: Leibniz‘ Geister“ von Kai Pfankuch

PURL: http://diglib.hab.de/?link=181


Alexandra Serjogin

Serjogin war bis einschließlich 2023 stellvertrende Pressesprecherin der Herzog August Bibliothek. Gemeinsam mit Sarah Janke und Prof. Dr. Peter Burschel brachte sie 2023 mit „Der Rote Faden“ ein Buch zu den Künstlerbüchern der HAB heraus.

Zur Person

Ein Ochsenkopf, der viel verrät || HABlog – HAB

31.05.2022

Bis ins 12. Jahrhundert war das aus bearbeiteter Tierhaut hergestellte Pergament das einzige Material, aus dem in Europa Bücher hergestellt werden konnten. Erst im frühen 13. Jahrhundert war man in Italien und Spanien in der Lage, selbst Papier herzustellen; die erste Papiermühle auf deutschem Boden gründete 1390 der Großhändler, Fabrikant und Ratsherr Ulman Stromer in Nürnberg. Seither wurde das teure Pergament als Beschreibstoff immer mehr vom Papier abgelöst. Anders als ihre arabischen Kollegen versahen die europäischen Papiermacher ihr Papier mit bestimmten Wasserzeichen. Sie formten Figuren, Wappen, Gegenstände und Buchstaben aus Draht und integrierten sie in die zur Papierherstellung verwendeten Schöpfsiebe, sodass die Drahtmotive einen Abdruck im Papier hinterließen. Daher ist es heute möglich, anhand der in einem Buch befindlichen Wasserzeichen zu ermitteln, wann und wo das benutzte Papier hergestellt worden ist. Da das Papier in der Regel nicht auf Vorrat gekauft und gelagert, sondern zeitnah als Schreibmaterial verwendet wurde, kann so das betreffende Buch recht genau datiert werden.

Den Gedanken, Wasserzeichen als Hilfsmittel zum Datieren zu benutzen, formulierte als einer der Ersten der Naturforscher und Bibliothekar Gotthelf Fischer von Waldheim (1771–1853). 1804 erschien sein Versuch, die Papierzeichen als Kennzeichen der Altertumskunde anzuwenden. Darin beschrieb er verschiedene Motive von Wasserzeichen, die im Papier von datierten Urkunden vorhanden waren, und bildete sie zusammen mit den Jahreszahlen ab. Diesem Prinzip folgen bis heute die großen Wasserzeichensammlungen, z. B. die des Schweizer Papiermachers Charles-Moïse Briquet (1839–1918) und vor allem die des Historikers und Archivars Gerhard Piccard (1909–1989). Seine Sammlung, die im Hauptstaatsarchiv Stuttgart aufbewahrt wird, umfasst etwa 130.000 Karteikarten mit Abreibungen von Wasserzeichen. Beide zunächst gedruckt publizierten Sammlungen sind heute digital zugänglich. Seit 2010 fördert die DFG den Aufbau eines gemeinsamen europäischen Wasserzeichen-Informationssystems (WZIS), in dem neben Piccards Sammlung viele weitere Wasserzeichen aus den noch nicht erfassten Handschriften verzeichnet werden können.

Bevor das Wasserzeichen in die Datenbank übertragen wird, muss es zunächst abgerieben oder gescannt werden. Mithilfe des Atwise-Geräts (Austrian Watermark Imaging System) wird ein Foto jedes einzelnen Handschriftenblattes aufgenommen, sodass alle vorhandenen Wasserzeichen der Handschrift unmittelbar digital vorliegen. Der Scanbereich liegt bei 20,2 x 15cm und 200dpi, damit auch größere Wasserzeichen als Ganzes aufgenommen werden können. Eine Herausforderung stellen Handschriften dar, die sehr eng gebunden sind, da man den Scanner bis in den Falz führen muss. Bei Handschriften mit kleineren Formaten wurde das ursprüngliche Blatt in der Regel vor dem Beschriften gefaltet und auf die passende Größe zugeschnitten. Daher sind in solchen Handschriften und Drucken die Wasserzeichen teilweise zwei-, drei- oder sogar vierfach geteilt. Um ein solches Wasserzeichen rekonstruieren zu können, muss die Anordnung der Blätter im Codex bestimmt und in einer schematischen Lagenformel festgehalten werden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ganze Teile eines Wasserzeichens fehlen oder nicht vollständig erschlossen werden können. Typisch für kleinere Formate ist zusätzlich auch, dass das Wasserzeichen genau im Falz liegt und damit ein Scan nicht mehr möglich ist - in solchen Fällen muss es manuell erfasst werden. Dazu wird eine spezielle Leuchtfolie (Slimlight)  hinter das Blatt der Handschrift gelegt, die das Wasserzeichen sichtbar macht und einen Abrieb auf ein Blatt Papier mit Bleistift ermöglicht. Diese Durchreibung kann anschließend auf transparentes Papier übertragen und ebenfalls eingescannt werden.

Die Durchreibung eines Wasserzeichens im Falz. //www.hab.de/wp-content/uploads/2022/05/hab-hablog-zander-wassrzeichen-titel-1.jpg
Die Durchreibung eines Wasserzeichens im Falz.

Die auf diese Weise aufgenommenen Wasserzeichen einer Handschrift werden schließlich mit den entsprechenden Metadaten in die Datenbank eingepflegt. Eine einzelne Handschrift kann bis zu 50 verschiedene Wasserzeichen aufweisen, in der Regel sind allerdings lediglich fünf bis 15 unterschiedliche Wasserzeichen vorhanden. Zur Dateneingabe gehören auch die digital zu ermittelnden Maße des Wasserzeichens (Höhe, Breite und Abstand der Stegdrähte) und die Ermittlung von identischen, d. h. in allen Merkmalen völlig gleichen oder leicht abweichenden Wasserzeichen, die als Varianten klassifiziert werden. Dazu werden die Wasserzeichen digital übereinander gelegt.

Das mit rund 36.000 verschiedenen Varianten am häufigsten in WZIS vertretene Wasserzeichen ist der Ochsenkopf. Möglicherweise liegt das daran, dass der Evangelist Lukas, dessen Symboltier der Stier ist, als Schutzpatron der mittelalterlichen Malergilden auch von verwandten Gewerken wie den Papiermachern verehrt wurde. Um die unterschiedlichen Ochsenköpfe vergleichen zu können, wurde im Rahmen des Projektes „Aufbau eines Informationssystems für Wasserzeichen in den DFG-Handschriftenzentren“ eine Systematik erstellt, die auf Nachfrage erweitert werden kann.

Nicht alle Wasserzeichen sind so eindeutig erkennbar und und können entsprechend mühelos in die Systematik eingruppiert werden wie die Ochsenköpfe. Hätten Sie erraten, um welche Motive es sich bei den folgenden Wasserzeichen handelt?

Wenden Sie sich gerne an Frau Zander, wenn Sie im Rahmen Ihrer Forschungstätigkeit die Bestimmung der Wasserzeichen einer Wolfenbütteler Handschrift benötigen.

Verborgene Kostbarkeiten || HABlog – HAB

11.05.2022

Wenn sich die schwere Bronzetür am Eingang der Augusteerhalle öffnet, gibt sie die Sicht frei auf hoch aufragende Regalwände. Der umherschweifende Blick fällt auf historische Bücherschätze, allesamt, so scheint es, eingebunden in helles Pergament oder Leder – und doch täuscht dieser erste Eindruck. Gut verborgen lassen sich vereinzelt Bücher finden, für deren Einbände ein weitaus kostbareres Überzugsmaterial ausgewählt wurde: Seide.

Seit jeher erfreuten sich Seidengewebe in brillanten Farben großer Beliebtheit. Auf dem Webstuhl können je nach Verarbeitung der Garne die unterschiedlichsten Oberflächen wie etwa spiegelglatt glänzende Atlasgewebe oder auch weicher Seidensamt erzeugt werden. Aufgrund ihrer Materialität und herstellungsbedingten Kostbarkeit fanden solche Stoffe bereits im Mittelalter gezielt Verwendung als Einbandmaterial für besonders hochwertig ausgestattete Bücher. So wurden etwa Widmungsbände als Reverenz an die hochrangigen Empfänger*innen und als extravaganter Blickfang gerne mit edlen Materialien eingebunden. Ein glanzvoller Seideneinband, zusätzlich mit Gold- oder Silberprägung, fein ausgearbeiteten Beschlägen oder in seltenen Fällen sogar mit detaillierten (Metall-) Stickereien verziert – derlei optische Effekte kamen zum Einsatz, um der Gabe einen repräsentativen Rahmen zu geben. So lässt der hier abgebildete Widmungsband für König Matthias Corvinus von Ungarn (1442-1490) trotz der Schäden am roten Seidensamtüberzug den ursprünglichen prachtvollen Effekt des Einbands erahnen – auch dank der erhalten gebliebenen Brokatfragmente, welche von einer früheren Schließenbefestigung stammen.

Cod. Guelf. 43 Aug. 2° Vorderdeckel //www.hab.de/wp-content/uploads/2022/05/hab-hablog-hoelscher-verborgene-kostbarkeiten-abb-1.jpg
Cod. Guelf. 43 Aug. 2° Vorderdeckel
Cod. Guelf. 43 Aug. 2° Brokatfragmente //www.hab.de/wp-content/uploads/2022/05/hab-hablog-hoelscher-verborgene-kostbarkeiten-abb-2-quer.jpg
Cod. Guelf. 43 Aug. 2° Brokatfragmente

Auch der unten abgebildete, mit blauer Atlasseide überzogene Band aus der Einbandsammlung der Herzog August Bibliothek entsprach mit seiner aufwändigen Verzierung den Ansprüchen der höfischen Repräsentation im späten 18. Jahrhundert. Das Monogramm mit den ineinander verschlungenen Buchstaben „P“ und „C“ auf dem Vorderdeckel identifiziert in Verbindung mit der darüber schwebenden Herzogskrone Philippine Charlotte von Preußen (1716–1801) als Empfängerin dieses luxuriösen Kleinods. Sie war eine Schwester Friedrichs des Großen und wurde durch ihre Heirat im Jahr 1733 mit Karl I. zur Herzogin von Braunschweig-Lüneburg sowie Fürstin von Braunschweig-Wolfenbüttel.

Auf den Anlass des Geschenkes verweist die Kombination aus Buchstaben und Zahlen auf dem Rückdeckel „D – 21 Juli 1783“, deren Sinn sich beim Lesen des Titels erschließt: Empfindungen der reinen und wahren Freude des itzigen Besitzers von Vechelde bey der fünfzigjährigen frohen und glücklichen Wiederkehr des ein und zwanzigsten Julius im Jahre 1783.

Inhalt des nur vier Blatt umfassenden Buchs ist ein Gedicht mit Lobpreisungen der Herzogin. Aber nicht nur inhaltlich, auch durch die Wahl des Schriftträgers zeigt sich das Innenleben dem prächtigen Einband ebenbürtig. Verwendung fand nämlich kein gewöhnliches Büttenpapier: Die Buchseiten wurden vor dem Druck beidseitig mit ungefärbter Seide kaschiert. Anlass für die Huldigungsschrift war der Fünfzigste Jahrestag der Ankunft Philippine Charlottes im Herzogtum Braunschweig, und der Schenkende, damaliger „Besitzer von Vechelde“ - Ferdinand von Braunschweig-Lüneburg, ein Bruder Karls I. – verfasste und verehrte sie seiner Schwägerin wohl zu diesem Jubiläum.

Das kostbare und optisch so wirkungsvolle Material Seide stellt vom Standpunkt der Erhaltung eine besondere Herausforderung dar, da es deutlich empfindlicher auf Umwelteinflüsse oder auch die bloße Handhabung reagiert als andere, strapazierfähigere Bucheinbandmaterialien wie Leder oder Pergament. So verlangen die mit Seide beklebten Blätter im Buchinneren beim Umwenden das Tragen von Handschuhen, damit an den Fingern haftende Schmutzpartikel oder Handschweiß nicht auf das cremeweiße Seidengewebe übertragen werden. Im Gegensatz zu Papier, welches während der Herstellung mit einer zusätzlichen Leimung versehen wird, nimmt die offene Struktur der Seidenfasern Feuchtigkeit oder Verunreinigungen sofort auf. Ein nachträgliches Entfernen der Flecken ist so gut wie unmöglich.

Eine weitere Gefahr für Seideneinbände geht von der Belastung durch Licht aus, welches das Material ausbleicht und die Fasern brüchig werden lässt. Die unterschiedliche Farbintensität der blauen Seide auf Vorder- und Rückdeckel des hier abgebildeten Bands zeigt, welche irreversiblen Schäden durch Lichteinstrahlung verursacht werden. Aus diesem Grund erhalten alle Seiden- und Seidensamteinbände in den Beständen der HAB eine maßgefertigte Buchkassette sowie einen passgenauen Umschlag aus alterungsbeständiger Polyesterfolie. Letzterer schützt die empfindlichen Einbandmaterialien bei der Handhabung ohne die prächtig gestalteten Stickereien zu verdecken.

Ein Seidensamteinband mit Kassette und Schutzumschlag //www.hab.de/wp-content/uploads/2022/05/hab-hablog-hoelscher-verborgene-kostbarkeiten-abb-6.jpg
Ein Seidensamteinband mit Kassette und Schutzumschlag

Beeindruckt von den hohen Buchregalen mit ihrer vorherrschenden Optik aus hellem Leder und Pergament können Besucher*innen der Herzog August Bibliothek diese seltenen Kostbarkeiten demnach auch auf den zweiten Blick nicht wahrnehmen, da sie in Schutzverpackungen verborgen liegen. Eine Ausnahme bietet sich im Zuge der Jubiläums-Ausstellung „Wir machen Bücher“: In der Schatzkammer zur Linken des Evangeliars Heinrichs des Löwen und Mathildes von England liegt der bereits oben erwähnte Widmungsband Cod. Guelf. 43 Aug 2°. Wer seine Aufmerksamkeit von den prächtig illuminierten Seiten lösen und auf die Kanten der Bucheinbände zu lenken vermag, wird bei beiden zumindest einen Blick auf roten Seidensamt erhaschen können.

 

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HAB ’ne Frage… || HABlog – HAB

03.01.2022

Wir haben Dr. Sandra Simon und Dr. Sven Limbeck gefragt, wer eigentlich bestimmt, welche Bücher für die HAB angekauft werden und auf Basis welcher Kriterien diese Entscheidungen getroffen werden. Sandra Simon, Koordinatorin der Fachreferate, sagt:

„Die HAB ist eine Forschungsbibliothek mit Schwerpunkten in der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung. Der Grundstock der Bibliothek ist der historische Bestand, der seit inzwischen fast 450 Jahren in Wolfenbüttel gepflegt und punktuell ergänzt wird. Für die Forschung an und mit den historischen Beständen wird ein großer Bestand an Forschungsliteratur bereitgestellt und stetig erweitert.

Für die Entscheidung, welche Medien für die HAB gekauft werden, sind Fachreferentinnen und Fachreferenten zuständig.

Fachreferent*innen sind Personen mit einem wissenschaftlichen Studienabschluss, die in der Regel über eine bibliothekarische Zusatzausbildung verfügen und für die Medienauswahl (Bücher, Zeitschriften, Datenbanken, E-Ressourcen) in der Bibliothek zuständig sind. In der HAB sind derzeit 17 Fachreferent*innen für 28 Fachreferate zuständig und werden von 13 Bibliothekar*innen in der Medienbearbeitung unterstützt. Die drei größten Fächer sind die Geschichte, die Germanistik sowie die Theologie.

Für ihre Entscheidungen, welche Medien gekauft werden sollen, stehen den Fachreferent*innen verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung. Dies sind Bibliographien wie die Deutsche Nationalbibliographie und die British National Bibliography, Verlagsankündigungen, aber auch Neuerscheinungsverzeichnisse des Buchhandels, die auf das jeweilige Fachreferat zugeschnitten werden können. Darüber hinaus können Rezensionszeitschriften, social media sowie Mailinglisten von Fachgesellschaften die Fachreferatsarbeit zum einen im Hinblick auf Neuerscheinungen, zum anderen aber auch im Hinblick auf einen Überblick über aktuelle Forschungsthemen unterstützen. Des Weiteren wird die Fachreferatsarbeit durch Anschaffungswünsche der Nutzer*innen der HAB, die an erwerbung@hab.de gerichtet werden können, ergänzt.

Neben den genannten Hilfsmitteln orientieren sich die Fachreferent*innen bei ihren Entscheidungen an den allgemeinen Erwerbungskriterien der HAB, d.h. Medien mit Bezug zu den Sammelschwerpunkten in der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung sowie dem 18. Jahrhundert werden möglichst umfassend erworben. Medien, die über diesen engen Zuschnitt hinausgehen, werden berücksichtigt, allerdings erfolgt hier eine strenge Auswahl.

Alle Fachreferent*innen entscheiden im Rahmen dieser allgemeinen sowie der für die eigenen Fächer fachspezifischen Erwerbungskriterien eigenständig über die Erwerbung von gedruckten und elektronischen Büchern. Über Erwerbungen, die Folgekosten nach sich ziehen, d.h. jährlich zu zahlende Lizenzgebühren bei Datenbanken oder Abonnementkosten bei Zeitschriften, entscheiden alle Fachreferent*innen gemeinsam.

Insgesamt wird der Bestand an Forschungsliteratur der HAB durch die kontinuierliche Fachreferatsarbeit jährlich um ca. 8.500 Bücher sowie einige Datenbanken und Zeitschriften erweitert.“


Sven Limbeck ist als Fachreferent unter anderem für das Fachreferat Musikwissenschaft zuständig.

Erwerbungen im Fach Musikwissenschaft sollen das Fach in seiner ganzen systematischen Breite und historischen Tiefe berücksichtigen.

„Die Herzog August Bibliothek ist eine Bibliothek mit einem bedeutenden musikalischen Altbestand. Er reicht bei den mittelalterlichen Handschriften bis an die frühesten Anfänge der Aufzeichnung von Musik zurück, umfasst einige der bedeutendsten Quellen der mittelalterlichen Polyphonie und verfügt nicht zuletzt über einzigartige Bestände bei frühbarocken Meistern wie Michael Praetorius und Heinrich Schütz. Daher liegt der Schwerpunkt bei der Forschungsliteratur natürlich auf der historischen Musikwissenschaft, die für das Mittelalter (einstimmige und mehrstimmige Musik) und die Frühe Neuzeit (insbesondere die evangelische Kirchenmusik, die Vokalpolyphonie, das ganze Barockzeitalter, die Oper bis zur Vorklassik) auch in ihrer Internationalität möglichst vollständig vorhanden sein sollte. Bei den systematischen Teildisziplinen, etwa Notationskunde, Musiktheorie, Instrumentenkunde oder Genderforschung, gilt Entsprechendes.

Umgekehrt spielt beispielsweise die musiksoziologische oder -pädagogische Literatur, wenn sie keine historische Ausrichtung hat, für uns kaum eine Rolle. Grundlagenwerke (Nachschlagewerke, Handbücher, Biographien, grundlegende musikanalytische und kulturwissenschaftliche Monographien und Sammelbände) werden in möglichster Breite auch für die jüngere Musikgeschichte,  d h. zu Komponist*innen vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, angeschafft. Hierzu zählen etwa auch ausgewählte Titel über Jazz und populäre Musik (z. B. Bob Dylan, David Bowie u.a.) oder Rezeptionsphänomene – wer sich mit dem Nachleben der deutschen Literatur des Mittelalters beschäftigt, braucht irgendwann die Literatur über Richard Wagner…

Notenausgaben zählen zu den wichtigsten Quellen sowohl des praktischen Musizierens wie auch der musikwissenschaftlichen Forschung. Wir beziehen deshalb die historisch-kritischen Gesamtausgaben der musikalischen Überlieferung des europäischen Mittelalters, die Editionscorpora und Werkausgaben der Komponisten des 16. bis 18. Jahrhunderts vollständig sowie eine Auswahl vieler bedeutender Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts. Musikpraktische Ausgaben finden insbesondere dann Berücksichtigung, wenn kritische Ausgaben ganz fehlen oder ihnen Quellen der Herzog August Bibliothek zugrunde liegen.“

HABen Sie auch 'ne Frage? Schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an: hablog@hab.de

 

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